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Wer ist Rübezahl?



Geschichte(n) und Mythos

Die älteste Darstellung des Rübezahl von 1561
Der historische und der phantastische Rübezahl

Buchhandlung Rübezahl
Unsere Rübezahl-Zeichnung von F. K. Waechter
Vom vermischten Zauber des Anfangs - Jubiläumsrede

Literatur, Legenden, Links
Rübezahl-Literatur
Links zu Rübezahl


Geschichte(n) und Mythos







Die älteste Darstellung des Rübezahl von 1561:

Rübezahl schreitet
mit züngelndem Adlerkopf, mit Hirschgeweih auf Bocksbeinen. Der Körper gleich dem eines Löwen, zudem hat er einen zweiteiligen Löwenschweif. In der schlesischen Mundart wird ein Schweif „Zagel“ genannt.



Der historische und der phantastische Rübezahl

Wir möchten ein lebendiges Bild von Rübezahl präsentieren.

Wer war er - Schutzgeist, Talismann, Schutzengel, Naturgeist, Wotan oder Zeus?

Gerne nehmen wir Ihre Beiträge und historischen Informationen in unsere Webseite auf: Wir sind neugierig auf Ihre E-Mail.

Oder haben Sie Ihre eigene Geschichte ausgedacht, die sich mit Rübezahl auseinandersetzt? Auch in diesem Fall freuen wir uns auf Ihre E-Mail.

Wir planen für die Zukunft Informationen zur Rübezahl-Forschung, zu Museen, Sammlern und Kundigen ...



Buchhandlung Rübezahl


Unsere Rübezahl-Zeichnung von F. K. Waechter

Der bekannte Kinderbuchzeichner F. K. Waechter zeichnete uns eine Geschichte vom Rübezahl, die nicht überliefert ist, die ich für ihn erfand:

"Einem Kind ist bange vor der mächtigen Autorität Rübezahl, mehr noch ist ihm bange vor dem bedrohlichen Knüppel.

Aber das Kind besinnt sich - blitzschnell raubt es dem Rübezahl ein Bein! Zornentbrannt stützt sich Rübezahl auf seinen Knüppel - er ist außer Gefecht gesetzt.

Jetzt muss Rübezahl selber lachen über dieses aberwitzige Kind! Vor dem wilden und so geheimnisvollen Berggeist kann das Kind da plötzlich keine Angst mehr haben."

Die vollständige Zeichnung von F. K. Waechter

Das Ganze ist ein Wink mit dem Zaunpfahl an die Autoritäten:
Macht zu haben, sie aber nicht zu missbrauchen, ist die Schwerste aller Künste, wie einmal Astrid Lindgren sagte.

Nach Vorlage der Zeichnung wurde das Firmenschild am Laden geschmiedet.


Vom vermischten Zauber des Anfangs

Vom Mythos Dr. Faustus und Rübezahl -
Von den Geschäftemachern
Und von der befreienden Kraft der Phantasie
von Karl May und Erich Loest


Rede von Albrecht Thielmann zum 25. Jubiläum der Buchhandlung Rübezahl,
gehalten auf der Veranstaltung vom 23. Juni 2003


Wenn ich zunächst über Rübezahl spreche, dann bitte ich unseren Gast Erich Loest um Nachsicht. Unsere Buchhandlung ist 25 Jahre alt und das feiern wir. Durch sechs Veranstaltungen erinnern wir an unser Engagement für gesellschaftliche Fragen, so wie wir es 25 Jahre lang in 150 Veranstaltungen praktizierten. Wir haben noch einmal fünf Autoren eingeladen, die in diesen 25 Jahren schon bei uns gelesen haben. Der Schwerpunkt in den Themen ist die deutsche Geschichte. Und heute erinnern wir an ein Datum der deutschen Geschichte, den 17. Juni vor 50 Jahren, über den Erich Loest viel zu sagen weiß.

Wie nun die Phantasie, der Rübezahl, Karl May und Erich Loest in einem inneren Zusammenhang stehen, für mich, dazu braucht man nicht viel Phantasie oder doch. Ich werde das hier vorknüpfen. Als ich vor über 25 Jahren für die Buchhandlung einen Namen suchte, stand für mich ohne weiteres Nachdenken der Name Rübezahl fest. Dass das altertümlich und exotisch klingt, kümmerte mich nicht. Es war eine Zeit, da waren viele in der jungen Generation im Wandel, denen war die Welt von Werbung und Kommerz verschandelt. Sie suchten natürliche oder exotische Welten, die frei waren vom Kommerz. Es war mir also nicht möglich, meinen Laden Vorteilmarkt zu nennen oder Kaufmich.

Die Einrichtung einer Kinderbuchabteilung war mir eine Hauptsache. Der Name sollte ausdrücken: Hier wird das Erzählgut für Kinder gepflegt und überliefert. Und mit dem Namen Rübezahl verband mich seit meiner Kindheit das Erzählen.

Der bekannte Kinderbuchzeichner Waechter zeichnete uns eine Geschichte vom Rübezahl , die nicht überliefert ist, die ich für ihn erfand. Einem Kind ist bange vor der mächtigen Autorität Rübezahl, noch mehr ist ihm bange vor dem bedrohlichen Knüppel. Das Kind raubt dem Rübezahl blitzschnell ein Bein. So muß Ruebezahl sich auf seinen Knüppel stützen und ist außer Gefecht gesetzt. Jetzt hat das Kind keine Angst mehr vor der Autorität. Ruebezahl ist verblüfft und muss lachen. Das Ganze ist ein Wink mit dem Zaunpfahl an die Autorität: Macht zu haben, sie aber nicht zu missbrauchen, die Schwerste aller Künste, wie einmal Astrid Lindgren sagte.

Nach Vorlage der Zeichnung wurde das Firmenschild am Laden geschmiedet.

Ich selbst war von Kind an mit Rübezahl vertraut. In meinem Heimatdorf lebten zwei Frauen, die aus Schlesien vertrieben worden waren. Sie waren Schwestern und hatten für uns so fremd klingende Namen. Ihre Sprache mit einem singenden Unterton war weicher als unser Dorfdialekt. Sie trugen immer Kopftücher und manchmal trachtenähnliche Kleidung und waren herzlich zu Kindern. In ihrer Stube erzählten sie mir Geschichten vom Rübezahl. Mein Dorf, das in einer früher armen Spessartgegend liegt, war so arm, wie unsere Westerwalddörfer einst arm waren, da war es nicht Brauch, den Kindern groß Geschichten zu erzählen. Das mochte mit der Last der Arbeit zusammenhängen, die erdrückend gewesen war und einen nur kargen Ertrag auf den zu kleinen und verstreut liegenden Feldern erbrachte, dass die Muse für das Erzählen keinen Raum hatte, das Erzählen sich weniger entwickelt hat, als in Schlesien.

Die beiden Frauen sammelten Pilze und Kräuter. Auch das war bei uns nicht üblich gewesen. Ihre kleine Stube roch aromatisch nach diesen Pflanzen, die zum Trocknen aufgehängt waren und hier erzählten sie mir vom Rübezahl aus ihrer Heimat, weil ich danach fragte, warum sie Blumen aufhängten. Das kannte ich nicht. Der Rübezahl war für diese Frauen vor allem ein Hüter der Heilpflanzen, der im Riesengebirge unter der Schneekoppe seinen Wundergarten hatte. Heilpflanzen gingen mir nicht so nahe. Mehr fesselten mich aber seine Taten, wenn er manchem armen Teufel Gold in den Ranzen zauberte und dem reichen Halsabschneider das edle Pferd in Stroh verwandelte.

Von dem satyrhaften Schabernack, den der rauhe Berggeist mit den Menschen trieb, von seiner aufblitzenden Rachsucht, wenn man ihn beleidigte, davon erzählten die guten Frauen mir noch nichts.

Von dieser mythischen Figur würde ich hier gerne mehr erzählen, einer Figur, die für unsere Vorfahren wohl eine zürnende zerstörende Macht darstellte, eine Urgewalt im Bergwald des Riesengebirge, einen Geist, der willkürlich auf Gedeihen und Verderben der Bauern Einfluss nahm, fühlten die sich doch der Natur ausgeliefert. In ihm lebt manches vom germanischen Wotan weiter.

Rübezahls Macht setzte dem Menschen und seiner Gier in der wilden Natur Grenzen : Die Heilkräuter aus seinem Würzgarten (auch Teufelsgärtchen genannt) unterhalb der Schneekoppe gab er gerne. Die Springwurzel aber durfte niemand graben. Ein vorwitziger Schatzsucher, der es trotz heftiger Warnung versuchte, fiel beim ersten Schlag stracks nieder, ist kohlschwarz und sofort tot.

Den Spottnamen Rübezahl im Wald zu rufen, ihn dreist zu veralbern, kam teuer zu stehen. Vielfältig sind die phantastischen Strafmaßnahmen, die Rübezahl den Spöttern angedeihen ließ. So nannte man ihn auch vorsichtiger Johannes.

Magische Schutzhandlungen gegen drohendes Unheil mögen zu Opferhandlungen geführt haben, die man diesem Wesen brachte, schreibt der Rübezahlforscher Klapper. So ist bis 1814 ein Volksbrauch auf der böhmischen Seite des Riesengebirges bezeugt: Männer trugen schwarzen Hähne, Frauen schwarzen Hennen zur Quelle der Elbe. Dort ließen die Männer die Hähne in den Wald fliegen. Die Frauen ertränkten die Hennen im Teich oder im Moor.

Dabei knieten sie nieder und beteten und blieben bis zu drei Tagen dort. Sie schöpften Wasser in Flaschen und nahmen Kräuter mit der Wurzel heim. Solcher Zauber wurde in jedem Dorf im Geheimen betrieben, versteckt vor der kirchlichen Obrigkeit.

Ein wahrhaftiges Wunder wäre es aber, wenn eine solch sagenhafte Figur nicht von sehr irdischen Geschäftemachern genutzt worden wäre. Die armen Bergbewohner suchten sich ein Zusatzverdienst in der Verwertung von Heilkräutern. Es bildete sich der Berufsstand der Laboranten, die kräftigendes Krummholzöl herstellten. Je lauter man vom Berggespenste auf dem Märkten sprach, desto einträglicher wurde das Geschäft. Rübezahl selbst, so raunten die Laboranten, habe ihnen die Kraft der Kräuter und ihre Fundorte offenbart.

Ich möchte ehrlicherweise einen anderen Berufsstand, die schlauen Büchermacher in diesem Zusammenhange nicht verheimlichen. Da gab es den Magister Prätorius, der in den Jahren nach dem 30jährigen Krieg als erster die Wirksamkeit der Rübezahlgeschichten erkannte und sie nach Kräften vermarktet hat. Er sammelte nicht nur fleißig gleich einem Chronisten die Geschichten ein, die im Volk erzählt wurden, sondern er würzte kräftig mit eignen Zutaten. Vieles, was dem gelehrten Mann an Kuriositäten, an dämonischen Geschichten bekannt war, webte er in seinen Text ein und ordnete gewiss manches schröckliche Ereignis dem nicht faßbaren Rübezahl zu, von dem dieser bis dato noch nichts wusste. Das Erfolgsbuch (heute heißt das Bestseller, als Kind habe ich immer gelesen Besteller), das Erfolgsbuch dieses Magisters hieß dann mit vielsagendem Titel: Daemonologia Rubenzalii Silesii. Des Magisters ausschmückende Methode, die Hinzufügung geeigneter Ereignisse ist Voraussetzung, dass eine geheimnisumrankte Legende entsteht. So entstand auch der Eulenspiegel, so Dr. Faustus, so entstehen Heiligenbiografien.

Im Vorwort schreibt Magister Prätorius:

"Das ist ein ausführlicher Bericht von dem wunderbarlichen, sehr alten und weitbeschriebenem Gespenste, dem Rübezahl, welcher sich auf den Gebirgen in Schlesien und Böhmen den Wandersleuten zum öfteren in possierlicher und mannigfaltiger Gestalt und mit seltsamen Verrichtungen erzeiget. Nebst vielen anderen nachdenklichen Erzählungen und Betröcknissen und den fürnehmsten schlesischen Raritäten." Sogar die Raritäten werden geadelt.

In diesen Worten des Magisters vernehme ich die Seele eines geschäftstüchtigen Buchhändlers, der mit wohlgesetzten Worten die Vorteile seines Buches anpreist, um es zu verkaufen, was dem Magister ja auch trefflich gelang. Durch dieses Buch also wurde Rübezahl für alle Zeiten als Zeuge einer mythischen Zeit aufbewahrt. Man kann sagen, ein Buch hat ihn so gemacht, wie er wurde.

Vergleichen wir ihn mit Dr. Faustus, dem anderen deutschen Mythos, dann haben wir die zwei Seiten eines Wesens. Rübezahl, der unberechenbare Berggeist, der den Menschen ihre Ohnmacht offenbart, ihr Ausgeliefertsein an die Natur, der ihnen droht, aber auch ihr Schutzgeist werden kann, wenn man ihn respektiert.

Dr. Faustus, der umgekehrt in die Geheimnisse der Natur eindringen will, will sie beherrschen, will Schöpfer sein; er will Gott sein, koste es, was es wolle.

Das sind die zwei deutschen Mythen im Umgang mit der Natur. Dr. Faustus hat sich durchgesetzt, nicht nur, weil er durch Goethe den eindrucksvolleren Ausdruck fand. Seine Schöpfungen sind produktiv.

Dagegen sind Rübezahl und andere Naturgeister aus unserer verplanten Landschaft zwischen Autobahnzubringern und englischem Rasen ausgewandert. Sie können wieder auftauchen mit den Orkanen, wenn die Ozeane steigen. Und sie überleben in unzugänglichen Tälern in Neuguinea und in Büchern und sehr rudimentär im Namen einer Buchhandlung, mit dem man sogar Geschäfte machen will.

Da kam einmal ein Brief von einem Rechtsanwalt aus unserem nördlichen Nachbarkreis an uns. Er forderte mich auf, 200 DM im Monat für den Namen Rübezahl zu zahlen. Sein Mandant habe eine Gaststätte mit dem Namen Rübezahl und sich den Namen patentieren lassen. Nun gibt es an vielen Orten in Deutschland und Österreich Sammlerinnen aus Schlesien, die oft private Rübezahlmuseen unterhalten. Sie erforschten auch bei mir und wohl auch bei jenem Gastwirt, warum wir Rübezahl heißen. Unter welchen Vorwand auch immer erhielt der Gastwirt von diesen fleißigen Sammlerinnen die Adressen und lies seine dreisten Forderungen verschicken. Für oft kleine Naturkostläden, die ihren Namen Rübezahl nicht haben eintragen lassen, war dies eine bösartige Bedrohung.

Ich habe knapp in einem Telefongespräch den Götz von Berlichingen zitiert - als Buchhändler zitiere ich - und sonst nie reagiert.

Ein versierter Vertreter des Fischer-Verlags riet mir, den Namen der Buchhandlung zu ändern: Der Name klänge allzu alternativ und würde das gutbürgerliche Publikum vom Laden fernhalten.
Unser Laden wurde zunächst in der Maibach 10 eingerichtet im Haus, das heute zum Jugendhaus umgebaut ist. Trüb und nach Abbruch sah es in dieser Straße aus, was ja auch kam. Die kleinen Fachwerkhäuser wurden schon lange nicht mehr renoviert, und ein Teil von ihnen war schon mit der Spitzhacke abgeräumt. Man gab unserem Geschäft in dieser Straße keine Chance.

Wir hatten im Eigenbau eingerichtet. Das Holz holte ich gehobelt direkt von der Zimmerei und es wurde nur lasiert mit einem zartdunklen Holzschutzmittel: Holznatur sollte sichtbar bleiben. Ein Mann aus dem Riesengebirge, ein Rübezahlkenner, sagte bei der Eröffnung: Eine warme Atmosphäre hier, dieses Holz. Das hat mit Rübezahl zu tun.

Das Natürliche blieb sichtbar. Allerdings fielen uns die Haare aus, ging es uns schlecht. Unsichtbar war das Gas des Holzschutzmittels. Die Bestandteile des Giftes wurden nach und nach bekannt.

Es liegt ein Zauber in jedem Anfang.

Es war der berühmte deutsche Herbst 1977 vor 25 Jahren. Ich war selbst in der Jugendarbeit tätig und Jugendliche halfen mir. Sie feierten nach der Arbeit auf einer Waldwiese und sahen sich plötzlich von 50 Polizisten umstellt mit Pistolen im Anschlag. Einer meiner jungen Bekannten mit lockigem langem Haar würde einem Terroristen ähnlich sehen. Das lockige lange Haar erschien einem Beobachter ein sicheres Indiz und er wurde der Polizei gemeldet.

Nach der Eröffnung gab es einen Tag, der mir unvergesslich ist. Es kam kein einziger Kunde. Vom Morgen bis zum Abend. Ich las Hölderlin, versuchte es wenigstens, um mich in die Höhe zu heben. Dazu kann Hölderlins Sprachkunst helfen.

Später besuchte ein junger bekannter Lokalpolitiker den Laden. Er sah sich um: Gleich gegenüber dem Eingang entdeckte er das Tagebuch von Che Guevara im Regal: Ich hatte es auch frontal präsentiert, um die Lücken zu füllen. Ich hatte noch nicht viele Bücher, kein Kapital.

Das Tagebuch musst Du wegtun, riet er. Er meinte es gut mit mir, befürchtete , man stecke mich in eine anarchistische Ecke. Er glaubte die Stimmung zu kennen. Selbst im kleinen Dillenburger Parlament, wo damals noch jeder vom anderen wusste, wo und mit wem er seinen Stammtisch hatte, hatte ein führender Parlamentarier in diesen Monaten einer ganzen Partei den Verdacht der Sympathisantums mit den Terroristen zugesprochen.

Ich wollte beruhigen und erzählte aus dem Tagebuch folgendes: Einmal in Bolivien in den Bergen sieht Che seine Verfolger durch das nahe Tal ziehen. Er und seine Leute nehmen die Soldaten mit dem Gewehr ins Visier. Töten wäre jetzt einfach für sie. Che aber sagt: Wir schießen nicht. Die Verfolger waren keine unmittelbare Gefahr. So also hielt es Che. Der junge Politiker betrachtete mich als hoffnungslosen Fall.

Tatsächlich kam ein Polizist in Zivil in die Buchhandlung. Der Name Rübezahl konnte Tarnung sein. Lange und aufmerksam durchstöberte er die Titel, auch das Tagebuch nahm er in die Hand. Endlich ein interessierter Kunde, hoffte ich ahnungslos. Der Kunde kaufte nichts.

Der Chef der Kripo aus Gießen, Dieter Schenk, hat es mir später erzählt. Dieter Schenk war es, ein ungewöhnlicher Kripomann. Er hatte einen Krimi geschrieben: Der Durchläufer. Ich lud ihn zur Lesung ein und er hatte sich vorher bei seinen Dillenburger Kollegen nach Rübezahl erkundigt und gute Auskunft erhalten. Der Name war es, sagte er, dass er sich erkundigte. So war das damals im Herbst 77.

So war der vermischte Zauber des Anfangs in der Buchhandlung Rübezahl.

Mancher denkt, mit dem Namen würde einem unchristlichen Waldgeist gehuldigt . Aber viele schönen Geschichten, ich denke hier an die von der von der blutarmen Frau, der Rübezahl das eingesammelte Laub in Gold verwandelte, wurde von den Menschen tatsächlich nur als Sage erzählt. Dass Geschäftemacher auch mit seinem Namen Hokuspokus trieben, nun denn. Vielleicht schauen wir uns hierzu in der Gegenwart um. Ist unsere Welt freier vom Zauberglauben, als zu Zeiten von jenen Wunderheilern, die mit dem Bild des Rübezahls dem Heiltrank magische Kraft verleihen wollten oder als man im Destillierkolben aus Blei Gold gewinnen wollte.

Roderich Feldes schrieb 1980 dazu in seinem feuerroten Drachen, einer Darstellung der alten Zauberbücher über eine Sorte geschäftstüchtig gewordener Alchimisten. Da heißt es: "Der Stein des Weisen wird von ihnen nicht in der eigenen Brust gefunden und öffnet nicht mehr das geistige Auge über den Sinn der Welt. Der Stein des Weisen soll Blei in Gold verwandeln" Nicht besser sieht Feldes unsere Zeit: "Die Beschwörer von heute aber benutzen lediglich Beschwörungsmethoden von heute: Rauch die West, trink Pepsi, nimm Piz Buin, trag Jeans, iss Ritter Sport Schokolade, hör James Last, spür die Limonenfrische auf Deiner Haut, und Du wirst jung sein, schön, begehrenswert glücklich, wirst 1000 Meilen weit vom Alltag schweben. - Werde 100 durch Yoga."

Ob das mehr hilft, als ein Wurzeltrank aus dem Rübezahlgarten? Ganz gewiss weniger. Denn das Suchen der Wurzel am geheimen Ort machte manche schon gesund.

Rübezahl hatte grandiose Fähigkeiten wie James Bond, dieser Mythos der technischen Welt, der ein Kind des Dr. Faustus ist. Rübezahls menschlicher Zauber ist der phantastischen Technik der Kampfmaschine 007 weit überlegen.

Rübezahl war ein Medium für Träume und Ängste der Menschen - und er hatte ein breites Spektrum. Er setzte die Naturgesetze außer Kraft und konnte sich nicht nur noch schneller bewegen als James Bond, er konnte es unsichtbar. Er war eben sagenhaft und gab den armen Bewohnern des Riesengebirges viel Erzählstoff. Er gab ihrem Alltag Sinnbilder und Phantasie. Er verkörperte Schutz für die Guten und war eine Bedrohung für die Bosheit und er war auch ein Satyr, der sich selbst austobte. Das Austoben verstanden die armen Riesengebirgler auch. Er war sowie ein wenig verdreht, wie der Volksheld Eulenspiegel.

Natürlich hatte er anarchistische Züge. Er praktizierte eine höhere Gerechtigkeit, die man selbst macht. Dass die Menschen die Erinnerung an seine Tollheiten pflegten, zeigt, dass sie mehr Sympathien für den Anarchismus haben, als ihnen bewusst ist.

Wenn im Riesengebirge eine Großmutter beim Strümpfestopfen ihrem Enkel vor dem Dunkelwerden vom Rübezahl erzählte, dann wollte sie ihn unterhalten und vertraut machen mit dem Irrationalen, was oben im Gebirge, was im Dunkeln, vertraut machen mit dem, was an Unrecht zwischen den Menschen geschieht.

Diese Großmutter war keine Ich-AG, keine Angestellte in einer zynischen Unterhaltungsindustrie, war keine Verena Feldbusch, diese synthetische Märchenfee, die mit ihrem sinnlosen Plappern in knapper Kleidung eine Geldmaschine zu stopfen hat und keine Strümpfe und kein Kind vor sich sitzen hat, das tröstende Geschichten hören will, sondern im schönen Nacken von Verena Feldbusch sitzen gierige Aktionäre, die die Feldbusch wegpusten, wenn die Quote nicht stimmt, was schnell gehen kann. Aber Rübezahl lebte hunderte von Jahren in den Köpfen. Der Rübezahl erinnert an eine alte Zeit, als die Nachrichtenmacher noch nicht jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf treiben mussten, als man die selben Geschichte wieder und wieder erzählte, dass sie vertraut und zu einem inneren Bild wurden. Und darum ist er ein guter Name für eine Buchhandlung.

Daß Phantasie und ihre Gestalten Kraft zum Überleben geben, hat unser Gast Erich Loest erfahren, als er die Ehre hatte, im Gefängnis in Bautzen zu sitzen, als er sich an den großen Phantasieproduzenten Karl May erinnerte, der ganz in der Nähe von Erichs Loest Geburtsstadt Mittweida aufwuchs und am Markt von Mittweida zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Erich Loest berichtet: "Sieben Jahre hatte er hinter Gittern verbracht , ich auch. Er hatte es geschafft, sich durch die Zellwände hinauszuträumen, ich hatte mich ebenfalls in dieser Kunst geübt. Langsam schrieb ich mich gerade aus der Isolierung hinaus, ein Prozeß, den er nur zu gut gekannt hatte."

Soweit Erich Loest, der später ein wunderbares Buch über Karl May schrieb. Es heißt: " Swallow, mein wackerer Mustang."

Das Gefängnis war bittere Realität für Loest, als viele hier die DDR als das bessere Deutschland priesen.

Als er nach dem Aufstand des 17. Juni rigoros eine Wende zur Demokratisierung fordert, muss er dafür bitter mit sieben Jahre Zuchthaus in Bautzen bezahlen, ohne dass seine Mitstreiter ihre Stimme für ihn erheben. Loest hält die entscheidenden Situationen seines deutschen Lebens fest, um sie der Erinnerung zu bewahren. Loest gehört zu den wenigen ostdeutschen Schriftstellern, die sich nicht "wohlsein ließen im Einvernehmen mit der Macht."



Literatur, Legenden, Links


Rübezahl-Literatur

Lieferbare Bücher

Musäus, Johann K. A.: Rübezahl.
Für d. Jugend v. Christian Morgenstern; Illustr. v. Max Slevogt. Insel Taschenbücher Nr.73. 1974. Mit 49 Zeichn..

Musäus, Johann K. A.: Rübezahl.
Legenden aus dem Riesengebirge. Nachw. v. Otfried Preußler. Bibliotheca Bohemica Bd.18. Neuaufl. 2000. m. Illustr., Vitalis

Paetow, Karl: Rübezahl.
Sagen und Legenden. Husum Taschenbuch. 1986. m. Zeichn. v. Hans Happ.

Preußler, Otfried: Mein Rübezahlbuch.
Zwei Dutzend und drei Geschichten vom Herrn des Riesengebirges. 1993. Illustr. v. Herbert Holzing, Thienemann Verlag

Bald werden Sie hier noch weitere Literaturhinweise finden.



Links*

Literaturhinweise und mehr im Internet
Literatur über Rübezahl
Rübezahl - Sage und Wirklichkeit
Die Ahnen Rübezahls
Rübezahl - Eine Legende der Bergwelt und die Geschichte

Johann Karl August Musäus - Rübezahllegenden
Die fünf Legenden vom Rübezahl im Projekt Gutenberg-DE
(Spiegel Online, illustriert)

Ein tolles altes illustrierte Rübezahl-Bilderbuch
Rübezahl. Ausgewählte Sagen und Schwänke erzählt von Siegfried Beck. Mit Bilderschmuck von Robert Engels (1907)

Und noch so eins:
Rübezahl und das Hirschberger Schneiderlein, ein Märchen von J. K. Aug. Musaeus in Bildern von Arpad Schmidhammer (1901).

Ein Tipp: Noch viel mehr alte literarische Bilderbücher...
Digitale Universitätsbibliothek Braunschweig - Kinderbücher


 
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