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Vom vermischten Zauber des Anfangs
Vom Mythos Dr. Faustus und Rübezahl -
Von den Geschäftemachern
Und von der befreienden Kraft der Phantasie
von Karl May und Erich Loest
Rede von Albrecht Thielmann zum 25. Jubiläum der Buchhandlung
Rübezahl,
gehalten auf der Veranstaltung vom 23. Juni 2003
Wenn ich zunächst über Rübezahl spreche, dann bitte
ich unseren Gast Erich Loest um Nachsicht. Unsere Buchhandlung ist
25 Jahre alt und das feiern wir. Durch sechs Veranstaltungen erinnern
wir an unser Engagement für gesellschaftliche Fragen, so wie
wir es 25 Jahre lang in 150 Veranstaltungen praktizierten. Wir haben
noch einmal fünf Autoren eingeladen, die in diesen 25 Jahren
schon bei uns gelesen haben. Der Schwerpunkt in den Themen ist die
deutsche Geschichte. Und heute erinnern wir an ein Datum der deutschen
Geschichte, den 17. Juni vor 50 Jahren, über den Erich Loest
viel zu sagen weiß.
Wie nun die Phantasie, der Rübezahl, Karl May und Erich Loest
in einem inneren Zusammenhang stehen, für mich, dazu braucht
man nicht viel Phantasie oder doch. Ich werde das hier vorknüpfen.
Als ich vor über 25 Jahren für die Buchhandlung einen
Namen suchte, stand für mich ohne weiteres Nachdenken der Name
Rübezahl fest. Dass das altertümlich und exotisch klingt,
kümmerte mich nicht. Es war eine Zeit, da waren viele in der
jungen Generation im Wandel, denen war die Welt von Werbung und
Kommerz verschandelt. Sie suchten natürliche oder exotische
Welten, die frei waren vom Kommerz. Es war mir also nicht möglich,
meinen Laden Vorteilmarkt zu nennen oder Kaufmich.
Die Einrichtung einer Kinderbuchabteilung war mir eine Hauptsache.
Der Name sollte ausdrücken: Hier wird das Erzählgut für
Kinder gepflegt und überliefert. Und mit dem Namen Rübezahl
verband mich seit meiner Kindheit das Erzählen.
Der bekannte Kinderbuchzeichner Waechter zeichnete uns eine Geschichte
vom Rübezahl , die nicht überliefert ist, die ich für
ihn erfand. Einem Kind ist bange vor der mächtigen Autorität
Rübezahl, noch mehr ist ihm bange vor dem bedrohlichen Knüppel.
Das Kind raubt dem Rübezahl blitzschnell ein Bein. So muß
Ruebezahl sich auf seinen Knüppel stützen und ist außer
Gefecht gesetzt. Jetzt hat das Kind keine Angst mehr vor der Autorität.
Ruebezahl ist verblüfft und muss lachen. Das Ganze ist ein
Wink mit dem Zaunpfahl an die Autorität: Macht zu haben, sie
aber nicht zu missbrauchen, die Schwerste aller Künste, wie
einmal Astrid Lindgren sagte.
Nach Vorlage der Zeichnung wurde das Firmenschild am Laden geschmiedet.
Ich selbst war von Kind an mit Rübezahl vertraut. In meinem
Heimatdorf lebten zwei Frauen, die aus Schlesien vertrieben worden
waren. Sie waren Schwestern und hatten für uns so fremd klingende
Namen. Ihre Sprache mit einem singenden Unterton war weicher als
unser Dorfdialekt. Sie trugen immer Kopftücher und manchmal
trachtenähnliche Kleidung und waren herzlich zu Kindern. In
ihrer Stube erzählten sie mir Geschichten vom Rübezahl.
Mein Dorf, das in einer früher armen Spessartgegend liegt,
war so arm, wie unsere Westerwalddörfer einst arm waren, da
war es nicht Brauch, den Kindern groß Geschichten zu erzählen.
Das mochte mit der Last der Arbeit zusammenhängen, die erdrückend
gewesen war und einen nur kargen Ertrag auf den zu kleinen und verstreut
liegenden Feldern erbrachte, dass die Muse für das Erzählen
keinen Raum hatte, das Erzählen sich weniger entwickelt hat,
als in Schlesien.
Die beiden Frauen sammelten Pilze und Kräuter. Auch das war
bei uns nicht üblich gewesen. Ihre kleine Stube roch aromatisch
nach diesen Pflanzen, die zum Trocknen aufgehängt waren und
hier erzählten sie mir vom Rübezahl aus ihrer Heimat,
weil ich danach fragte, warum sie Blumen aufhängten. Das kannte
ich nicht. Der Rübezahl war für diese Frauen vor allem
ein Hüter der Heilpflanzen, der im Riesengebirge unter der
Schneekoppe seinen Wundergarten hatte. Heilpflanzen gingen mir nicht
so nahe. Mehr fesselten mich aber seine Taten, wenn er manchem armen
Teufel Gold in den Ranzen zauberte und dem reichen Halsabschneider
das edle Pferd in Stroh verwandelte.
Von dem satyrhaften Schabernack, den der rauhe Berggeist mit den
Menschen trieb, von seiner aufblitzenden Rachsucht, wenn man ihn
beleidigte, davon erzählten die guten Frauen mir noch nichts.
Von dieser mythischen Figur würde ich hier gerne mehr erzählen,
einer Figur, die für unsere Vorfahren wohl eine zürnende
zerstörende Macht darstellte, eine Urgewalt im Bergwald des
Riesengebirge, einen Geist, der willkürlich auf Gedeihen und
Verderben der Bauern Einfluss nahm, fühlten die sich doch der
Natur ausgeliefert. In ihm lebt manches vom germanischen Wotan weiter.
Rübezahls Macht setzte dem Menschen und seiner Gier in der
wilden Natur Grenzen : Die Heilkräuter aus seinem Würzgarten
(auch Teufelsgärtchen genannt) unterhalb der Schneekoppe gab
er gerne. Die Springwurzel aber durfte niemand graben. Ein vorwitziger
Schatzsucher, der es trotz heftiger Warnung versuchte, fiel beim
ersten Schlag stracks nieder, ist kohlschwarz und sofort tot.
Den Spottnamen Rübezahl im Wald zu rufen, ihn dreist zu veralbern,
kam teuer zu stehen. Vielfältig sind die phantastischen Strafmaßnahmen,
die Rübezahl den Spöttern angedeihen ließ. So nannte
man ihn auch vorsichtiger Johannes.
Magische Schutzhandlungen gegen drohendes Unheil mögen zu Opferhandlungen
geführt haben, die man diesem Wesen brachte, schreibt der Rübezahlforscher
Klapper. So ist bis 1814 ein Volksbrauch auf der böhmischen
Seite des Riesengebirges bezeugt: Männer trugen schwarzen Hähne,
Frauen schwarzen Hennen zur Quelle der Elbe. Dort ließen die
Männer die Hähne in den Wald fliegen. Die Frauen ertränkten
die Hennen im Teich oder im Moor.
Dabei knieten sie nieder und beteten und blieben bis zu drei Tagen
dort. Sie schöpften Wasser in Flaschen und nahmen Kräuter
mit der Wurzel heim. Solcher Zauber wurde in jedem Dorf im Geheimen
betrieben, versteckt vor der kirchlichen Obrigkeit.
Ein wahrhaftiges Wunder wäre es aber, wenn eine solch sagenhafte
Figur nicht von sehr irdischen Geschäftemachern genutzt worden
wäre. Die armen Bergbewohner suchten sich ein Zusatzverdienst
in der Verwertung von Heilkräutern. Es bildete sich der Berufsstand
der Laboranten, die kräftigendes Krummholzöl herstellten.
Je lauter man vom Berggespenste auf dem Märkten sprach, desto
einträglicher wurde das Geschäft. Rübezahl selbst,
so raunten die Laboranten, habe ihnen die Kraft der Kräuter
und ihre Fundorte offenbart.
Ich möchte ehrlicherweise einen anderen Berufsstand, die schlauen
Büchermacher in diesem Zusammenhange nicht verheimlichen. Da
gab es den Magister Prätorius, der in den Jahren nach dem 30jährigen
Krieg als erster die Wirksamkeit der Rübezahlgeschichten erkannte
und sie nach Kräften vermarktet hat. Er sammelte nicht nur
fleißig gleich einem Chronisten die Geschichten ein, die im
Volk erzählt wurden, sondern er würzte kräftig mit
eignen Zutaten. Vieles, was dem gelehrten Mann an Kuriositäten,
an dämonischen Geschichten bekannt war, webte er in seinen
Text ein und ordnete gewiss manches schröckliche Ereignis dem
nicht faßbaren Rübezahl zu, von dem dieser bis dato noch
nichts wusste. Das Erfolgsbuch (heute heißt das Bestseller,
als Kind habe ich immer gelesen Besteller), das Erfolgsbuch dieses
Magisters hieß dann mit vielsagendem Titel: Daemonologia Rubenzalii
Silesii. Des Magisters ausschmückende Methode, die Hinzufügung
geeigneter Ereignisse ist Voraussetzung, dass eine geheimnisumrankte
Legende entsteht. So entstand auch der Eulenspiegel, so Dr. Faustus,
so entstehen Heiligenbiografien.
Im Vorwort schreibt Magister Prätorius:
"Das ist ein ausführlicher Bericht von dem wunderbarlichen,
sehr alten und weitbeschriebenem Gespenste, dem Rübezahl, welcher
sich auf den Gebirgen in Schlesien und Böhmen den Wandersleuten
zum öfteren in possierlicher und mannigfaltiger Gestalt und
mit seltsamen Verrichtungen erzeiget. Nebst vielen anderen nachdenklichen
Erzählungen und Betröcknissen und den fürnehmsten
schlesischen Raritäten." Sogar die Raritäten werden
geadelt.
In diesen Worten des Magisters vernehme ich die Seele eines geschäftstüchtigen
Buchhändlers, der mit wohlgesetzten Worten die Vorteile seines
Buches anpreist, um es zu verkaufen, was dem Magister ja auch trefflich
gelang. Durch dieses Buch also wurde Rübezahl für alle
Zeiten als Zeuge einer mythischen Zeit aufbewahrt. Man kann sagen,
ein Buch hat ihn so gemacht, wie er wurde.
Vergleichen wir ihn mit Dr. Faustus, dem anderen deutschen Mythos,
dann haben wir die zwei Seiten eines Wesens. Rübezahl, der
unberechenbare Berggeist, der den Menschen ihre Ohnmacht offenbart,
ihr Ausgeliefertsein an die Natur, der ihnen droht, aber auch ihr
Schutzgeist werden kann, wenn man ihn respektiert.
Dr. Faustus, der umgekehrt in die Geheimnisse der Natur eindringen
will, will sie beherrschen, will Schöpfer sein; er will Gott
sein, koste es, was es wolle.
Das sind die zwei deutschen Mythen im Umgang mit der Natur. Dr.
Faustus hat sich durchgesetzt, nicht nur, weil er durch Goethe den
eindrucksvolleren Ausdruck fand. Seine Schöpfungen sind produktiv.
Dagegen sind Rübezahl und andere
Naturgeister aus unserer verplanten Landschaft zwischen Autobahnzubringern
und englischem Rasen ausgewandert. Sie können wieder auftauchen
mit den Orkanen, wenn die Ozeane steigen. Und sie überleben
in unzugänglichen Tälern in Neuguinea und in Büchern
und sehr rudimentär im Namen einer Buchhandlung, mit dem man
sogar Geschäfte machen will.
Da kam einmal ein Brief von einem Rechtsanwalt aus unserem nördlichen
Nachbarkreis an uns. Er forderte mich auf, 200 DM im Monat für
den Namen Rübezahl zu zahlen. Sein Mandant habe eine Gaststätte
mit dem Namen Rübezahl und sich den Namen patentieren lassen.
Nun gibt es an vielen Orten in Deutschland und Österreich Sammlerinnen
aus Schlesien, die oft private Rübezahlmuseen unterhalten.
Sie erforschten auch bei mir und wohl auch bei jenem Gastwirt, warum
wir Rübezahl heißen. Unter welchen Vorwand auch immer
erhielt der Gastwirt von diesen fleißigen Sammlerinnen die
Adressen und lies seine dreisten Forderungen verschicken. Für
oft kleine Naturkostläden, die ihren Namen Rübezahl nicht
haben eintragen lassen, war dies eine bösartige Bedrohung.
Ich habe knapp in einem Telefongespräch den Götz von Berlichingen
zitiert - als Buchhändler zitiere ich - und sonst nie reagiert.
Ein versierter Vertreter des Fischer-Verlags
riet mir, den Namen der Buchhandlung zu ändern: Der Name klänge
allzu alternativ und würde das gutbürgerliche Publikum
vom Laden fernhalten.
Unser Laden wurde zunächst in der Maibach 10 eingerichtet im
Haus, das heute zum Jugendhaus umgebaut ist. Trüb und nach
Abbruch sah es in dieser Straße aus, was ja auch kam. Die
kleinen Fachwerkhäuser wurden schon lange nicht mehr renoviert,
und ein Teil von ihnen war schon mit der Spitzhacke abgeräumt.
Man gab unserem Geschäft in dieser Straße keine Chance.
Wir hatten im Eigenbau eingerichtet. Das
Holz holte ich gehobelt direkt von der Zimmerei und es wurde nur
lasiert mit einem zartdunklen Holzschutzmittel: Holznatur sollte
sichtbar bleiben. Ein Mann aus dem Riesengebirge, ein Rübezahlkenner,
sagte bei der Eröffnung: Eine warme Atmosphäre hier, dieses
Holz. Das hat mit Rübezahl zu tun.
Das Natürliche blieb sichtbar. Allerdings fielen uns die Haare
aus, ging es uns schlecht. Unsichtbar war das Gas des Holzschutzmittels.
Die Bestandteile des Giftes wurden nach und nach bekannt.
Es liegt ein Zauber in jedem Anfang.
Es war der berühmte deutsche Herbst 1977 vor 25 Jahren. Ich
war selbst in der Jugendarbeit tätig und Jugendliche halfen
mir. Sie feierten nach der Arbeit auf einer Waldwiese und sahen
sich plötzlich von 50 Polizisten umstellt mit Pistolen im Anschlag.
Einer meiner jungen Bekannten mit lockigem langem Haar würde
einem Terroristen ähnlich sehen. Das lockige lange Haar erschien
einem Beobachter ein sicheres Indiz und er wurde der Polizei gemeldet.
Nach der Eröffnung gab es einen Tag, der mir unvergesslich
ist. Es kam kein einziger Kunde. Vom Morgen bis zum Abend. Ich las
Hölderlin, versuchte es wenigstens, um mich in die Höhe
zu heben. Dazu kann Hölderlins Sprachkunst helfen.
Später besuchte ein junger bekannter Lokalpolitiker den Laden.
Er sah sich um: Gleich gegenüber dem Eingang entdeckte er das
Tagebuch von Che Guevara im Regal: Ich hatte es auch frontal präsentiert,
um die Lücken zu füllen. Ich hatte noch nicht viele Bücher,
kein Kapital.
Das Tagebuch musst Du wegtun, riet er. Er meinte es gut mit mir,
befürchtete , man stecke mich in eine anarchistische Ecke.
Er glaubte die Stimmung zu kennen. Selbst im kleinen Dillenburger
Parlament, wo damals noch jeder vom anderen wusste, wo und mit wem
er seinen Stammtisch hatte, hatte ein führender Parlamentarier
in diesen Monaten einer ganzen Partei den Verdacht der Sympathisantums
mit den Terroristen zugesprochen.
Ich wollte beruhigen und erzählte aus dem Tagebuch folgendes:
Einmal in Bolivien in den Bergen sieht Che seine Verfolger durch
das nahe Tal ziehen. Er und seine Leute nehmen die Soldaten mit
dem Gewehr ins Visier. Töten wäre jetzt einfach für
sie. Che aber sagt: Wir schießen nicht. Die Verfolger waren
keine unmittelbare Gefahr. So also hielt es Che. Der junge Politiker
betrachtete mich als hoffnungslosen Fall.
Tatsächlich kam ein Polizist in Zivil in die Buchhandlung.
Der Name Rübezahl konnte Tarnung sein. Lange und aufmerksam
durchstöberte er die Titel, auch das Tagebuch nahm er in die
Hand. Endlich ein interessierter Kunde, hoffte ich ahnungslos. Der
Kunde kaufte nichts.
Der Chef der Kripo aus Gießen, Dieter Schenk, hat es mir später
erzählt. Dieter Schenk war es, ein ungewöhnlicher Kripomann.
Er hatte einen Krimi geschrieben: Der Durchläufer. Ich lud
ihn zur Lesung ein und er hatte sich vorher bei seinen Dillenburger
Kollegen nach Rübezahl erkundigt und gute Auskunft erhalten.
Der Name war es, sagte er, dass er sich erkundigte. So war das damals
im Herbst 77.
So war der vermischte Zauber des Anfangs in der Buchhandlung Rübezahl.
Mancher denkt, mit dem Namen würde einem unchristlichen Waldgeist
gehuldigt . Aber viele schönen Geschichten, ich denke hier
an die von der von der blutarmen Frau, der Rübezahl das eingesammelte
Laub in Gold verwandelte, wurde von den Menschen tatsächlich
nur als Sage erzählt. Dass Geschäftemacher auch mit seinem
Namen Hokuspokus trieben, nun denn. Vielleicht schauen wir uns hierzu
in der Gegenwart um. Ist unsere Welt freier vom Zauberglauben, als
zu Zeiten von jenen Wunderheilern, die mit dem Bild des Rübezahls
dem Heiltrank magische Kraft verleihen wollten oder als man im Destillierkolben
aus Blei Gold gewinnen wollte.
Roderich Feldes schrieb 1980 dazu in seinem feuerroten Drachen,
einer Darstellung der alten Zauberbücher über eine Sorte
geschäftstüchtig gewordener Alchimisten. Da heißt
es: "Der Stein des Weisen wird von ihnen nicht in der eigenen
Brust gefunden und öffnet nicht mehr das geistige Auge über
den Sinn der Welt. Der Stein des Weisen soll Blei in Gold verwandeln"
Nicht besser sieht Feldes unsere Zeit: "Die Beschwörer
von heute aber benutzen lediglich Beschwörungsmethoden von
heute: Rauch die West, trink Pepsi, nimm Piz Buin, trag Jeans, iss
Ritter Sport Schokolade, hör James Last, spür die Limonenfrische
auf Deiner Haut, und Du wirst jung sein, schön, begehrenswert
glücklich, wirst 1000 Meilen weit vom Alltag schweben. - Werde
100 durch Yoga."
Ob das mehr hilft, als ein Wurzeltrank aus dem Rübezahlgarten?
Ganz gewiss weniger. Denn das Suchen der Wurzel am geheimen Ort
machte manche schon gesund.
Rübezahl hatte grandiose Fähigkeiten wie James Bond, dieser
Mythos der technischen Welt, der ein Kind des Dr. Faustus ist. Rübezahls
menschlicher Zauber ist der phantastischen Technik der Kampfmaschine
007 weit überlegen.
Rübezahl war ein Medium für Träume und Ängste
der Menschen - und er hatte ein breites Spektrum. Er setzte die
Naturgesetze außer Kraft und konnte sich nicht nur noch schneller
bewegen als James Bond, er konnte es unsichtbar. Er war eben sagenhaft
und gab den armen Bewohnern des Riesengebirges viel Erzählstoff.
Er gab ihrem Alltag Sinnbilder und Phantasie. Er verkörperte
Schutz für die Guten und war eine Bedrohung für die Bosheit
und er war auch ein Satyr, der sich selbst austobte. Das Austoben
verstanden die armen Riesengebirgler auch. Er war sowie ein wenig
verdreht, wie der Volksheld Eulenspiegel.
Natürlich hatte er anarchistische Züge. Er praktizierte
eine höhere Gerechtigkeit, die man selbst macht. Dass die Menschen
die Erinnerung an seine Tollheiten pflegten, zeigt, dass sie mehr
Sympathien für den Anarchismus haben, als ihnen bewusst ist.
Wenn im Riesengebirge eine Großmutter beim Strümpfestopfen
ihrem Enkel vor dem Dunkelwerden vom Rübezahl erzählte,
dann wollte sie ihn unterhalten und vertraut machen mit dem Irrationalen,
was oben im Gebirge, was im Dunkeln, vertraut machen mit dem, was
an Unrecht zwischen den Menschen geschieht.
Diese Großmutter war keine Ich-AG, keine Angestellte in einer
zynischen Unterhaltungsindustrie, war keine Verena Feldbusch, diese
synthetische Märchenfee, die mit ihrem sinnlosen Plappern in
knapper Kleidung eine Geldmaschine zu stopfen hat und keine Strümpfe
und kein Kind vor sich sitzen hat, das tröstende Geschichten
hören will, sondern im schönen Nacken von Verena Feldbusch
sitzen gierige Aktionäre, die die Feldbusch wegpusten, wenn
die Quote nicht stimmt, was schnell gehen kann. Aber Rübezahl
lebte hunderte von Jahren in den Köpfen. Der Rübezahl
erinnert an eine alte Zeit, als die Nachrichtenmacher noch nicht
jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf treiben mussten, als man die
selben Geschichte wieder und wieder erzählte, dass sie vertraut
und zu einem inneren Bild wurden. Und darum ist er ein guter Name
für eine Buchhandlung.
Daß Phantasie und ihre Gestalten Kraft zum Überleben
geben, hat unser Gast Erich Loest erfahren, als er die Ehre hatte,
im Gefängnis in Bautzen zu sitzen, als er sich an den großen
Phantasieproduzenten Karl May erinnerte, der ganz in der Nähe
von Erichs Loest Geburtsstadt Mittweida aufwuchs und am Markt von
Mittweida zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Erich Loest
berichtet: "Sieben Jahre hatte er hinter Gittern verbracht
, ich auch. Er hatte es geschafft, sich durch die Zellwände
hinauszuträumen, ich hatte mich ebenfalls in dieser Kunst geübt.
Langsam schrieb ich mich gerade aus der Isolierung hinaus, ein Prozeß,
den er nur zu gut gekannt hatte."
Soweit Erich Loest, der später ein wunderbares Buch über
Karl May schrieb. Es heißt: " Swallow, mein wackerer
Mustang."
Das Gefängnis war bittere Realität für Loest, als
viele hier die DDR als das bessere Deutschland priesen.
Als er nach dem Aufstand des 17. Juni rigoros eine Wende zur Demokratisierung
fordert, muss er dafür bitter mit sieben Jahre Zuchthaus in
Bautzen bezahlen, ohne dass seine Mitstreiter ihre Stimme für
ihn erheben. Loest hält die entscheidenden Situationen seines
deutschen Lebens fest, um sie der Erinnerung zu bewahren. Loest
gehört zu den wenigen ostdeutschen Schriftstellern, die sich
nicht "wohlsein ließen im Einvernehmen mit der Macht."

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