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Verlag Buchhandlung Rübezahl
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Neu im Verlag
Buchhandlung Rübezahl
"Etz bass off"
von Eberhard L. Betz und Albrecht Thielmann
Wir leben in einer Zeitenwende. Die Menschen verlassen
die alte Welt. Was einst fest schien, trägt nicht mehr. Was
hinter uns liegt, soll in Erinnerung bleiben. Was vor liegt, ist
bedenklich. Mitten drin stehen wir und lachen dabei auch schon mal.
An vieles Erfahrene erinnern wir in diesem Buch. Eberhart L. Betz
hat es in Platt gedichtet: Von uns, den Menschen im alten Dillkreis
und er hat es gleich auf "fürnehm" übersetzt
und dazu hat er noch Bilder gemalt.
Die Stimmen von Brunhilde Cuntz, Helmut Nix, Marianne Seibert, Annelie
Geyer und Ulrich Betz sind ein lebensechtes Hörerlebnis unseres
heimischen Dialektes. So wird Dorfgeschichte wieder zum Leben erweckt
und auf einer "modernen" CD gebrannt, dauerhaft bewahrt.
Unsere Sprecher haben auch von ihrer Zeit in den Dörfern erzählt
und Albrecht Thielmann hat es aufgeschrieben.
Illustriert durch Genrebilder, des Grafikers und Malers Wilhelm
Thielmann und des Malers Heinz Aubel, entsteht ein anschauliches
Bild des dörflichen Alltagslebens.
Stadtarchivar Rüdiger Störkel schreibt: "Einer der
wichtigsten Autoren der heutigen Heimatliteratur an der Dill ist
Eberhard L. Betz."
"Etz bass off" in Sechshelden vorgestellt
(Carsten Müller in der Haigerer Zeitung vom 4.12.2007)
"Dem Dialekt ein Denkmal setzen"
Haiger-Sechshelden.
"Etz bass off" ist der Titel eines Mundart-Sammelbandes, der übersetzt
ins Hochdeutsche "Jetzt pass auf" lauten würde. Dieser Aufforderung
sind am Wochenende viele interessierte Besucher nachgekommen, als
die Herausgeber Albrecht Thielmann und Eberhard Betz das Buch gemeinsam
mit ihren Co-Autoren vorstellten. Schon die ersten Kostproben aus
dem vielseitigen Werk, gelesen von Marianne Seibert und Eberhard
Betz, wurden von den mehr als 100 Zuhörern im Dorfgemeinschaftshaus
Sechshelden positiv aufgenommen.
Bürgermeister Gerhard Zoubek (Haiger) und Stephan Aurand (Dietzhölztal),
deren Kommunen das Buch finanziell unterstützt hatten, würdigten
es als einen wichtigen Beitrag. Beide bedankten sich für das
Engagement aller Mitwirkenden und wünschten dem Projekt viel
Erfolg.
"Wir wollten dem Dialekt ein Denkmal setzen und ihn fördern",
erklärte Albrecht Thielmann die Motivation der Herausgeber.
Eberhard Betz ergänzte: "Mit dem Aussterben der Mundart gewinnen
unsere Dörfer zwar an Weltläufigkeit, aber sie verlieren
an Zusammenhalt und Gemeinschaftsgefühl".
Wer "Etz bass off" durchblättert, der erkennt eine klare Struktur.
Im ersten Teil finden sich Gedichte und Geschichten auf "Platt",
die der aus Sechshelden stammende Eberhard Betz verfasst hat. Seine
Texte sind nach Themen geordnet - er widmet sich der Zeit "Noo'm
Kriich" (nach dem Krieg) ebenso wie den "Mannsleu" (Mannsleuten)
oder der "Mamme" (Mutter). Alle Beiträge
finden sich auch in hochdeutscher Übersetzung und sogar ein
kleines Nachschlage-Wörterbuch haben die Herausgeber im Anhang
ausgearbeitet.
Im zweiten Teil geht es weiter mit "Biografischen Erzählungen".
Albrecht Thielmann hat Erlebnisse und Berichte von Brunhilde Cuntz,
Marianne Seibert, Helmut Nix, Ulrich Betz, Eberhard Betz und Annelie
Geyer niedergeschrieben. Hier werden Erinnerungen an das frühere
dörfliche Leben und an den Umgang mit der Mundart festgehalten.
Im dritten Teil widmet Thielmann sich den Malern, denn "Etz bass
off" wartet auch mit vielen Bildern auf. Diese stammen vor
allem von dem Herborner Maler Wilhelm Thielmann, der in seinen Darstellungen
die Lebenswelt der Menschen in früheren Zeiten veranschaulicht.
Den abschließenden Teil des Buches bilden einige Aufsätze,
die das Thema Mundart noch einmal differenziert beleuchten. Mit
Martin Walser, der "Bemerkungen über unseren Dialekt" macht,
findet sich auch ein prominenter Name unter den Autoren. Natürlich
darf in diesem Abschnitt auch ein Beitrag in Anlehnung an den heimischen
Schriftsteller Roderich Feldes nicht fehlen, dem der Wandel des
Dorfes ein wichtiges Anliegen war.
Dass das Buch nicht in der Vergangenheit verharrt, macht eine Analyse
der Jugendsprache von Albrecht Thielmann deutlich. Viele Beispiele,
so führte er bei der Buch-Präsentation aus, seien darauf
zurückzuführen, dass einer Sprache ohne Dialekt oft die
Deutlichkeit fehle.
Das Mundart-Werk ist allerdings nicht nur ein Lese- und Bilderbuch,
sondern beinhaltet zugleich auch noch ein Hörbuch. Brunhilde
Cuntz, Marianne Seibert, Helmut Nix, Eberhard und Ulrich Betz sowie
Annelie Geyer haben in einem Tonstudio die Dialekt-Texte aufgenommen.
Einen kleinen musikalischen Beitrag steuerte der Niederschelder
Gesangverein mit "Zwischer Kornberg on Schdroud" bei.
Einen ersten Eindruck von Buch und Hörbuch vermittelten die
Mitwirkenden bei der Premiere, zu der sie kleine Ausschnitte lasen.
Da ging es beispielsweise um den Alltag einer Mutter im Jahr 1946
und im Jahr 1996, um die Ankunft der "Bittschöner" genannten
Sudetendeutschen oder um "Neues vom Ausscheller", der die Dorfnachrichten
verkündete. Das Publikum quittierte das Gehörte mit kräftigem
Beifall und verlangte nach Zugaben und damit nach weiteren Einblicken
in "Etz bass off".
Das als "Sprachmuseum der Region" gedachte
Buch (Verlag Buchhandlung Rübezahl, Dillenburg) ist ab sofort
im Handel erhältlich und kostet inklusive Doppel-CD 27,80 Euro.
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... ein Beispiel aus der Buchwerkstatt
des
Verlags Buchhandlung Rübezahl ...
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Bücher
von Eberhard L. Betz
Das Ende und ein Anfang - Heimkehr an die
Dill
112 Seiten, 8,90 Euro
Verlag Buchhandlung Rübezahl
Hüttenplatz - Mord und Erinnerung
312 Seiten, viele Illustrationen,
14,50 Euro
Verlag Weidenbach
Malukkes Experiment
165 Seiten, 12,80 Euro
Verlag Buchhandlung Rübezahl
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Das Ende und ein Anfang - Heimkehr an die
Dill
Die Nachkriegsgeschichte des früheren Dillkreises wäre ohne
Eberhard L. Betz ärmer dokumentiert. Immer wieder erzählt
er in seinen zeitgeschichtlichen Romanen von der extremen Erfahrung
seiner Generation, die als Jugendliche in den Krieg ziehen mußten
und stark dezimiert heimgekehrt, ein ruiniertes Land vorfanden. Er
hat in seiner ersten Erzählung "Gustav" die Indoktrination
dieser Jungen durch die nationalsozialistische Ideologie und ihre
"Verheizung" an den Fronten beschrieben.
In der hier vorliegenden Erzählung "Das Ende und ein Anfang",
die in dem lange vergriffenem Band "Wie Bäume im Sturm"
erschien und dort chronologisch "Gustav" folgt, berichtet
Betz von der Zeit nach dem Zusammenbruch des Hitlerregimes, von der
"Umerziehung" im amerikanischen Lager und von der Heimkehr
in die Heimat. Betz berichtet auch von uns unbekannten Seiten der
Umerziehung im Lager. Er erinnert an Demütigungen, die an Ereignisse
in Abu Ghureib (Irak) denken lassen.
Die Familien in den Dorfern - zunächst unter Besatzungsregime
- haben auf die Heimkehrer gewartet. Viele kommen nicht mehr. Fremde
Deutsche aus dem Osten sind in die Häuser eingewiesen worden.
Vieles ist zerrüttet, aber nicht alles ist hoffnungslos. Sein
Protagonist wandert durch ein von Bomben verwüstetes Land in
sein Dorf an der Dill. So ist schon ein weiß überzogenes,
sauberes Bett für den Heimkehrer ein Wunder. Das vertraute, leicht
fehlerhafte Spiel des Organisten im Gottesdienst rührt unendlich
und zeigt ihm: Du bist noch einmal davongekommen.
Betz beschreibt die so merkwürdig sich neu ordnende Gesellschaft
nach der Katastrophe und überliefert uns eine äußerst
seltene Beschreibung der Gefangenschaft bei den Amerikanern.
Albrecht Thielmann

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Dillenburger Geschichte am Hüttenplatz
Hüttenplatz - Mord und Erinnerung
Geschichte aus unserem heimischen Raum,
in den Archiven vergessen, anschaulich erzählt. Eberhard L. Betz
holt sie in unsere Erinnerung zurück. In vier Erzählungen
wird das Leben unserer Vorfahren auf dem Hüttenplatz lebendig.
"Herwensches Viertel" und Antreteplatz
Gern berichte ich hier von den heiter durchmischten Erzählungen,
die die Dillenburger kennen müssen, weil die eigene Stadt im
Gedächtnis ein Gesicht haben muß mit Lachfältchen
und Narben und Wehmut. Dazu helfen die Erinnerungen von Betz an den
alten Hüttenplatz und an den Adolf Hitlerplatz (30iger Jahre!,
sonst Wilhelmsplatz) mit Zimmerschieds Gasthaus, wo es auch das "Herwensches
Viertel" gab. Ferner gab es am Platz einen kuriosen Laden voller
süßer Köstlichkeiten.
Betz erinnert an seine Schulzeit im Gymnasium
in der Maibach, beschwört dabei den alten Schulgeist und Lehrergestalten.
Heimatkunde und sogar die Geschichte vom Hüttenplatz zu lernen
war damals eiserne Pflicht. Die kuriose Feuerzangenbowle wäre
nicht weit weg, wenn da nicht die strammen Aufmärsche der militärisch
gedrillten Hitlerjugend auf dem manchmal rußbedeckten Platz
wären und der bald folgende Marschbefehl für den erst 17-jährigen
an die Front.
An die Menschen in den Häusern und ein Findelkind auf dem Hüttenplatz
erinnert Betz, auch an den Zauber den Dorfkinder empfanden, die an
Marktagen mit der in allen Dingen imposanten Tante Erna in die Stadt
durften und am Hüttenplatz bei der vornehmeren Tante Lies städtischen
Kuchen aßen. Schön zeichnet Betz hier nebeneinander vergangene
Frauenfiguren aus Dorf und Stadt.
Mord am Hüttenplatz
In der Erzählung "Mord am Hüttenplatz" steht das
Leben der Bewohner und die Arbeit in den Werkstätten in der ersten
Hälfte des 16.Jahrhunderts noch einmal vor uns auf. Ein Mord
geschieht im Gasthaus Stiefel. Wir lernen nun im Zuge der Aufklärung
der schlimmen Tat den Alltag unserer Vorfahren kennen. Am Hüttenplatz
wurden Rennöfen gebaut, um Eisenerz zu verhütten. Technischer
Fortschritt eines findigen Hüttenmanns führt zu Spannungen
und auch zu diesem Mord. Und wir sehen die uns bekannten Straßen,
die Gebäude und das Schloss über der Stadt von unseren Vorfahren
bewohnt, die so ganz anders lebten als die Heutigen und harte Überlebenskämpfe
im Krieg und im Frieden auszufechten hatten.
Viel erfahren wir von der Welt der Handwerker. Ihre Produkte haben
bei Betz noch eine Aura, verkörpern einen Wert, weil sie noch
notwendig waren in jenen Zeiten als es noch keine Wegwerfgesellschaft
gab. Wir lesen auch von frommen Bauern, die Gerechtigkeit und ihren
Seelenfrieden suchen. Und die Frühzeit der Reformation bricht
in ersten Blitzen in der Dillenburg auf dem Schlossberg ein.
Waffen SS und Dillenburger Spruchkammer
Auch die Erzählung "Auch eine Heimkehr" enthält
markante lokale Ereignisse aus der Nachkriegszeit und wird die "political
correctness" gewaltig stören: Spruchkammer und Wirtschaftswunder
im Dillkreis; den Lebensweg eines ehemaligen Waffen-SS-Manns, der
ein Motor beim Aufbau eines aufblühenden heimischen Bauunternehmens
wurde, als man die Vergangenheit vergessen wollte.
Betz erzählt von seiner Generation, die blutjung in jenen Eroberungskrieg
gezogen wurde; in seiner Geschichte wird der Protagonist in eine Waffen-
Einheit gezwungen. Betz plädiert, genau hinzusehen, gerecht zu
urteilen.
Da steht vor der Türe des Elternhauses ein blutjunger Kriegsheimkehrer
namens Alfred. Ihm fehlt ein Bein, eine Gesichtshälfte krampft
und das wird so bleiben. Seine zerlumpten Kleider tragen die Buchstaben
PG (d.h. Kriegsgefangener) und darunter das SS-Zeichen. Er gehörte
zu jener berühmten Flakhelfergeneration. Er ging nicht freiwillig
zur Waffen-SS. Er wurde in keine Verbrechen verstrickt. Vor der Spruchkammer
für Entnazifizierung wird er wegen Mitgliedschaft in der Waffen-SS
zu einer Geldstrafe verurteilt. Sein ehemaliger Lehrer hat sich in
der Kammer in einen selbstherrlichen Richter gewandelt. Eine Laufbahn
im öffentlichen Dienst wird unmöglich.
Wird man ihm noch gerecht werden? Er bleibt mitten im für ihn
so erfolgreichen "Wirtschaftswunder" ein Mensch, der seine
Identität verloren hat. Er fühlt sich als Verbrecher gebrandmarkt.
Betz beschönigt nichts: Er hat die Konsequenzen der nationalsozialistischen
Ideologie, die in den zweiten Weltkrieg führte, in seiner früheren
Erzählung "Gustav" beschrieben. Betz plädiert:
Die Menschen nicht über einen Kamm scheren, niemanden mit pauschalen
Urteilen erschlagen. Das Leben der Menschen in den Zwängen, denen
sie ausgesetzt waren, erfassen. Das Prüfen ist eine Forderung
der Humanität. So hält es Betz mit seinem Waffen- SS-Mann,
dem Kind seiner Generation, die, blutjung, in jenen Eroberungskrieg
gezwungen wurde. Diese Kriegsgeneration hat es den Jüngeren allerdings
schwer gemacht, eine gerechte Antwort zu finden, denn Widerständler
waren im besiegten Volk nicht beliebt.
Ein Buch von und für die Dillenburger Geschichte, dass sie in
Erinnerung bleibt.
Auf dem Hüttenplatz
Als 1998 der eiserne Hüttenmann ohne Worte plötzlich auf
diesem Platz stand, wie der berühmte Kaspar Hauser und nicht
wußte, wer er war, entstand die Hüttenplatzinitiative,
die dann die Geschichte der Hüttenmänner und der Platzbewohner
ausgrub, sie mit einem fröhlichen Volksfest feierte und so den
eisernen Mann doch noch ohne herrschaftlichen Segen in die Historie
einweihte. Herr Betz war dabei. Und er hat damals das bunte Leben
an diesem Platz in einem heiteren Gedicht gewürdigt. Das Oranierdenkmal
auf dem Schloßberg wenige Jahre später wurde dagegen mit
Pomp wahrhaft offiziell und feudal begrüßt. Wie früher
also: die da oben und die da unten.

Der Autor, Dr. med. Eberhard Ludwig Betz, wuchs in Sechshelden
auf und war bis 1993 Professor und Direktor eines Lehr- und Forschungsinstituts
in der medizinischen Fakultät in Tübingen. Er ist Autor
zahlreicher Fachbücher. Er ließ den Kontakt zu seinem Heimatdorf
nie abreißen, seine Mundart verlernte er nicht. In Pension,
als "Emeritierter"- er war nun von der täglichen Fron
befreit- begann er von seinem Dorf und aus der Geschichte des alten
Dillkreises zu erzählen.
Die alten Dörfer lebten einst als Fixpunkte in den Menschen weiter,
wenn sie in die" Fremde" gingen; die alten Lieder bezeugen
noch die Gefühle. Eine solche Erfahrung muß auch der Sechsheldener
Eberhard Betz gemacht haben.
Ei Linasche, ei Mielsche
Der Sechsheldener Heimatforscher Walter Klein erzählte gern die
Anekdote von einem Sechheldener Jungen, der es zum Professor in Gießen
gebracht hatte.
Jener Professor, von dem Klein erzählte, war in den dreißiger
Jahren mit seinen Studenten in Gießen unterwegs und erkannte
unter den Passanten zwei ältere Bäuerinnen aus seinem Heimatdorf.
Er ließ sofort seine Studenten stehen und begrüßte
die Frauen in der Mundart der Sechsheldener: "Ei Linasche,
ei Mielsche "und er erkundigte sich eingehend nach ihnen
und dem Dorf. Erstaunt waren die Studenten über die Sprache ihres
Professors - sie verstanden sie nicht - über seine überschwengliche
Freude, seine Leutseligkeit, seine Vertraulichkeit war doch
ihr Lehrer sonst gemessen und zurückhaltend. Ein solches Verhalten
würde auch zu dem Professor Betz passen.
Solche Lebensgeschichten von Menschen, die ein Bild von ihrem Dorf
in sich tragen, als ruhenden Punkt , wird es nicht mehr geben. Die
Kinder des Fernsehens nehmen nur noch einen schmalen Ausschnitt ihres
Wohnortes wahr; der Dialekt mit seinen eigenen Ausdrucksmöglichkeiten
für das Gefühl und die Umwelt stirbt aus.

Der Professor und sein Dorf
Eberhard l.Betz veröffentlicht in diesem Band neue Erzählungen.
Das Leben unserer Vorfahren am Hüttenplatz steht im Mittelpunkt.
Als 1998 der eiserne Hüttenmann ohne Worte plötzlich auf
diesem Platz stand, wie der berühmte Kaspar Hauser und nicht
wußte, wer er war, entstand die Hüttenplatzinitiative,
die dann die Geschichte der Hüttenmänner und der Platzbewohner
ausgrub, sie feierte und so den eisernen Mann doch noch in die Historie
einweihte. Herr Betz war dabei und er hat damals das bunte Leben an
diesem Platz in einem heiteren Gedicht gewürdigt. Das Oranierdenkmal
auf dem Schloßberg wenige Jahre später wurde mit Pomp wahrhaft
offiziell und feudal begrüßt.Diese war fürstlichen
Geblüts, die erste nur bürgerlicher Herkunft.
Mit seiner neuen Erzählung "Mord am Hüttenplatz"
belebt er den Platz noch einmal mit seinen Bewohnern in der ersten
Hälfte des 16.Jahrhunderts. Ein Mord geschieht im Gasthaus Stiefel.
Wir lernen im Zuge der Aufklärung die Arbeitswelt unserer Vorfahren
kennen. Am Hüttenplatz wurden Rennöfen gebaut, um Eisenerz
zu verhütten. Technischer Fortschritt eines findigen Hüttenmanns
führt zu Spannungen und auch zu diesem Mord. Betz schildert die
Mühsal der alten Hüttenarbeit. Wir sehen die uns bekannten
Straßen und Gebäude und das Schloß über der
Stadt von unseren Vorfahren bewohnt, die so ganz anders lebten und
harte Überlebenskämpfe auszufechten hatten. Wenn Geschichte
etwas lehrt, dann dieses: Durch jeden Fortschritt geht viel Wissen
verloren. Eberhard Betz hält Epochen heimischer Geschichte fest.
Das ganze Spektrum des Lebens
Die Schriftsteller begannen sich Ende der siebziger Jahre des vergangenen
Jahrhunderts auffallend mit "Heimat" zu beschäftigen.
Sie registrierten verwundert, daß mit dem Verschwinden der herkömmlichen
Landwirtschaft ihre Dörfer sich rapide wandeln, offensichtlich
in "Schlafdörfer", denn man fuhr zum Schlafen dorthin.
Schriftsteller, die aus Dörfern stammten, begannen die dörfliche
Lebenswelt zu rekon-struieren; sie beschrieben den Wandel, sie hielten
das fest, was überlebte. Es wurde offensichtlich, daß mit
den Dörfern und ihren Landschaften unwiederruflich eine 1000-jährige
Lebenskultur verschwand.
Roderich Feldes, Autor in unserem heimischen Raum, hat hartnäckig
in seinem Werk das Besondere dieser dörflichen Welt noch einmal
aufleben lassen und ihren Verlust angezeigt. In seinem Roman "
Verschwinden der Harmonie" sagt eine Figur: "Und auch im
Dorf werden die Gruppen immer kleiner, maximal noch Kegelclubgröße,
weil eben nicht mehr das ganze Spektrum des Lebens die Klammer ist,
sondern Berufe, Anschauungen, Selbsteinschätzungen, Hobbys, die
Kontakte bedingen."
Die alten Dörfer lebten einst als Fixpunkte in den Menschen weiter,
wenn sie in "die Fremde" gingen; die alten Lieder bezeugen
noch die Gefühle. Eine solche Erfahrung muß auch der Sechsheldener
Eberhard Betz gemacht haben. Er lies den Kontakt zu seinem Heimatdorf
nie abreisen, seine Mundart verlernte er nicht. Als Emeritierter,
er war nun von der täglichen Fron befreit, begann er von seinem
Dorf zu erzählen.
Eine Anekdote, die der Sechsheldener Heimatforscher Walter Klein gern
erzählte, macht deutlich, was jene lebenslange Verbundenheit
mit dem Heimatort bedeuten kann. Ein Sechsheldener wurde in den 30iger
Jahren Professor in Gießen. Als er einmal in der Universitätsstadt
mit seinen Studenten unterwegs war, erkannte er unter den Passanten
zwei ältere Bäuerinnen aus seinem Heimatdorf. Er ließ
seine Studenten stehen und begrüßte die Frauen in der Mundart
der Sechsheldener: "Ei Linasche, ei Mielsche "und
er erkundigte sich eingehend nach ihnen und dem Dorf. Erstaunt waren
die Studenten über die Sprache ihres Professors - sie verstanden
sie nicht - über seine überschwängliche Freude, seine
Leutseligkeit, seine Vertraulichkeit war doch ihr Lehrer sonst
gemessen und zurückhaltend.- So ähnlich könnte man
auch von Eberhard Betz erzählen. Lebensgeschichten von Menschen,
die aus dem Dorf in die ferne Welt gehen und das Bild ihrer Heimat
mit sich tragen, als ruhenden Ort in sich, wird es bald nicht mehr
geben. Die Kinder des Fernsehens nehmen nur noch einen schmalen Ausschnitt
ihres Wohnortes wahr; der Dialekt mit seinen reichen Ausdrucksmöglichkeiten
des Gefühls und der Umwelt stirbt aus. Vom Stadtteil (Sechshelden
ist heute ein Stadtteil) bleibt den heute Heranwachsenden die Erinnerung
an ihren privaten Bereich, ansonsten Erinnerungen, die alle Kinder
haben: vielleicht an das Sandmännchen, aber nichts sozial Übergreifendes:
kein ganzes Dorfspektrum prägt sich mehr ihrem Inneren ein.
Eberhard Betz, ein Verfasser von viel genutzten medizinischen Standardwerken,
schrieb auch Gedichte in der Mundart, die er als Kind lernte. Den
Dialekt nahm er so genau, daß er zunächst in Holzhäusener
Dialekt schrieb; dort wohnten in seiner Kindheit seine Eltern. Sein
weit verbreiteter Gedichtband "Ausm Dellfeld" ist
dann im Sechsheldener Dialekt verfaßt.
Seine Gedichte haben Bodenhaftung. Sie verehren nicht im vagen Raum
große Gefühle, sie haben konkrete Geschichte und halten
fest, was unsere Dörfer waren, was aus ihnen wurde.
So wird in einer gewitzten Gegenüberstellung berichtet vom Alltag
einer Mutter im Jahre 1946 und einer Mutter1996. Die Mutter 1946 ist
ausgefüllt mit ihren Pflichten in Haus und Landwirtschaft und
sie wirtschaftet in ihrer kargen Küche. Ihre Arbeit und die alltäglichen
einfachen Gegenstände ihres Lebens haben eine bezwingende Würde:
Sie sind noch notwendig. !996 steht die Hausfrau in ihrer modernen
Küche mit einem komfortablen Maschinenpark. Jetzt hat sie leichte
Herzbeschwerden und schwere Probleme mit der Freizeitgestaltung. Dieses
balladenhafte Gedicht, mit dem jeder Lehrer seine Schüler im
auch vergnüglichen Sauseschritt durch einige Jahrhunderte ländlicher
Kulturgeschichte führen könnte, kennt vermutlich kaum ein
Pädagoge in unserer ganzen Region.
Die Flakhelfergeneration Arzt auf dunklem Pfad
Die Nachkriegsgeschichte des früheren Dillkreises wäre ohne
Betz ärmer dokumentiert. Immer wieder erzählt er in seinen
zeitgeschichtlichen Romanen die unglaubliche Erfahrung seiner Generation
, der jungen Kriegsgeneration, die ungefragt als Schüler in nationalsozialistische
Organisationen eingegliedert wurde, ebenso ungefragt in den Krieg
ziehen mußte und stark dezimiert heimgekehrt, ein ruiniertes
Land vorfand. Ihr jugendlicher Idealismus war betrogen worden; gedemütigt
und kriegsversehrt mußte sie schnurstracks an die Aufbaufront.
Diese Generation der Flakhelfer waren Kinder der Diktatur. Woran sollten
sie sich orientieren?
In der Nachkriegserzählung "Wie Bäume im Sturm "
berichtet Betz, wie Umerziehung im amerikanischen Lager auch ging:
Antreten mußten die Gefangenen und sagen: "Ich bin ein
deutsches Schwein." Dieser Teil der Umerziehung zur Demokratie
ist wenig dokumentiert. Er war tabuisiert. Betz erinnert an sie. Wie
schwer selbst der "Nation der Menschenrechte" im konkreten
Fall, hier im Irak, die Einhaltung dieser Rechte fällt, haben
uns die törichten Sieger in Abu Ghureib ins Stammbuch der menschlichen
Geschichte geschrieben.
Auch im Roman "Arzt auf dunklem Pfad" erfahren wir auf dem
Lebensweg eines Arztes im Dillkreis vom Trauma der Kriegsgeneration,
vom Leben der kleinen Westerwalddörfer nach Kriegsende, von der
trostlosen Verlassenheit einer Flüchtlingsfamilie in einer armseligen
Stube im Westerwald.
Auch eine Heimkehr
Die zweite große Erzählung in diesem Band "Auch eine
Heimkehr" enthält ebenfalls markante lokale Ereignisse zur
Nachkriegszeit. Da steht vor der Türe des Elternhauses ein blutjunger
Kriegsheimkehrer namens Alfred. Ihm fehlt ein Bein. Seine zerlumpten
Kleider tragen die Buchstaben PG (d.h. Kriegsgefangener) und darunter
das SS-Zeichen. Auch er gehörte zu jener Flakhelfergeneration.
Dieser blutjunge Alfred ging nicht freiwillig zur Waffen-SS. Er wurde
in keine Verbrechen verstrickt. Eine Folge des Krieges: Seine eine
Gesichtshälfte krampft und das wird so bleiben.
Ihm steht die Spruchkammer für Entnazifizierung bevor. Er ist
belastet durch jene Mitgliedschaft (unfreiwillig, wie er verzweifelt
erinnert) in der Waffen-SS und einer Geldstrafe verurteilt. Sein ehemaliger
Lehrer hat sich in der Spruchkammer in einen Richter gewandelt und
übt selbstherrlich Justiz. Eine Laufbahn im öffentlichen
Dienst ist unmöglich.
Wird man ihm noch gerecht werden? Seine spätere Laufbahn repräsentiert
das merkwürdige " Wirtschaftswunder", das aus den Trümmern
erwuchs. Er aber bleibt mitten in diesem "Wunder" ein Mensch,
der seine Identität verloren hat. Er fühlt sich als Verbrecher
gebrandmarkt.
Betz beschönigt keine Schandtaten: Er hat die Konsequenzen der
nationalsozialistischen Ideologie, die in den zweiten Weltkrieg führte,
in seiner Erzählung "Gustav" beschrieben. Diese Erzählung
erschien mit breiter Wirkung als Fortsetzungsroman in der heimischen
Zeitung, wurde gelesen und von manchen aufbewahrt.
Betz plädiert: Die Menschen nicht über einen Kamm scheren,
niemanden mit pauschalen Urteilen erschlagen. Das Leben der Menschen
in den Zwängen, denen sie ausgesetzt waren, erfassen.
Das fällt meist sehr schwer. Jede Generation formt ihre eigenen
Bilder vom Guten und Bösen. Diese Bilder werden zu einer kollektiven
Macht, die scheinbare Sicherheit verleihen. Als kollektive Vorgaben
werden sie wie Parolen leicht befolgt und ebenso leicht wird man im
Kollektiv schuldig. Aber nicht jeder, der ins Kollektiv gezogen wurde,
ist schuldig.
Das genaue Prüfen, ob einer in einer Uniform der Bösen auch
schuldig wurde, ist eine Forderung der Humanität. Diese ist kein
Geschenk, das in den Schoß fällt, sondern eine Anstrengung.
Gerechtigkeit durch genaues Hinsehen auf die Person, ihr Alter und
die Umstände. So hält es Betz mit seinem Waffen- SS-Mann,
dem Kind seiner Generation, die blutjung in jenen Eroberungskrieg
gezwungen wurde.
Allerdings: Zu jeder Zeit gab es Menschen, die sich den Trommeln und
Befehlen der Diktatoren entzogen und widersetzten. Wer verhalf dem
etwas älteren Schreiner Georg Elser 1940 zur Einsicht in die
Diktatur und zum Entschluß, sein kühnes Attentat auf Hitler
allein zu planen und durchzuführen. Nur der Münchner Nebel
hat den Erfolg verhindert. Die politischen Lehren aus der Arbeiterbewegung
belehrten ihn. Aber ohne seine Kühnheit und Ausdauer wäre
ihm nichts möglich gewesen
Solche Widerständigen müssen einem gegenwärtig sein,
wenn man hört und sieht, daß sich Menschen den Parolen
ihrer Zeit fügen, früher, wie heute.
Als Eberhard Betz in der Buchhandlung Rübezahl Teile der Erzählung
vom jungen Waffen-SS-Mann Alfred vorlas, stellte ich den Älteren
im Publikum die Frage: Haben die Soldaten nicht, als sie mit den Panzern
über die Grenze nach Rußland fuhren, das Gefühl gehabt:"
Wir sind hier Fremde, wir haben hier nichts zu suchen, wir betreten
fremdes Territorium?" Meine Frage wurde wohl als ignorant empfunden:
"Sie können so was leicht fragen, das war eine ganz andere
Zeit" Hier haben wirklich beide Seiten massiv recht.
Die Kriegsgeneration hat und Jungen allerdings eine gerechte Antwort
schwer gemacht, denn Widerständler waren im besiegten Volk nicht
beliebt: Ein junger Willy Brandt wurde für seinen untadeligen
Weg in die Emigration und in die Widerstandarbeit als Vaterlandsverräter
denunziert, aus der Mitte der Gesellschaft heraus.
Die Obrigkeit und die Untertanen
Betz schrieb drei Geschichtsromane, der jüngste wird in diesem
Band veröffentlicht. Alle sind in Dörfern und kleinen Städten
Dorf angesiedelt. Zwei im heimischen Raum. Der Roman" Bauernkappe
und Fürstenhut" ist einer Sechsheldener Chronik aus dem
18 Jahrhundert nacherzählt und spielt zur Zeit des letzten Dillenburger
Fürsten Christian. Fürstlich war in dieser Zeit der Stand
der Dillenburger Schlossherrn, denn im 30-jährigen Krieg wurde
der Frontwechsel und teure Kriegseinsatz des Landesherrn auf dem Schloß
lediglich mit der Beförderung in den fürstlichen Stand belohnt.
Auch seine Untertanen wurden damit in eine höhere Stufe gehoben.
Sie durften höhere Abgaben leisten, denn ein fürstlicher
Hofstaat mußte auch fürstlich gehalten werden. Von der
Lebenswelt dieser armen Bauern erfahren wir durch jenen Bauernjungen
im Roman, der Kammerdiener beim Fürsten wurde.
Einen großen Stoff über das untertänige Leben unserer
bäuerlichen Vorfahren fand Betz auch dokumentiert in der schwäbischen
Alb, in der Nähe von Hechingen. Die Herren aus dem Fürstenhaus
von Hohenzollern hatten ohne Rechtsgrundlage eine Grenze gegen die
Pirsch, die freie Jagd gezogen und beschnitten damit den verarmten
Untertanen in der kargen Alb ein angestammtes Naturrecht. Auch den
immensen Wildschaden mußten sie dulden. Einige nehmen die Willkür
nicht hin. Ein Jagdaufseher kommt durch einen unglücklichen Schuß
durch heimlich jagenden Bauern zu Tode. Zynische Rechtssprechung und
eine grausame Strafe soll an einem jungen Burschen ein Exempel für
alle Zeiten statuieren.
Betz gelingt der Kunstgriff, das Verhältnis von Obrigkeit und
Untertanen im zentralen wunden Punkt der feudalen Machtverhältnisse
dramatisch zu entfalten: Die Kampfparole im Bauernkrieg wird sonnenklar:"
Die Herren machen es selbst, dass ihnen der arme Mann Feind wird."
Die Beschreibung einer Folterszene von Betz könnte den wohligen
Schauer erkalten lassen, wenn unsere heimischen Historiker auf historischen
Märkten geschmäcklerische Wiederholungen der Folter und
des Scheiterhaufens inszenieren.
Wir erfahren in diesem Roman wie auch im "Hüttenplatz"
viel von der Welt der stolzen Handwerker, deren kunstvolle Arbeitsweise
Betz genau beschreibt. Ihre Produkte haben noch eine Aura, verkörpern
einen Wert, weil sie noch notwendig sind in jenen Zeiten , als es
noch keine Wegwerfgesellschaft gab. Wir hören Bibelworte, die
von den frommen Bauern aufmerksam gelernt und bedacht werden, um in
ihnen Gerechtigkeit und Seelenfrieden zu finden.
Wie ich am Anfang sagte: Durch jeden Fortschritt geht viel Wissen
verloren. Eberhard Betz erinnert daran.
Albrecht Thielmann

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Malukkes Experiment
Erinnerung an Heimat - mit Hilfe von Elektroden
Der
Autor Prof. Dr. med. Eberhard Ludwig Betz wuchs in Sechshelden auf
und war bis 1993 auch Direktor eines Lehr- und Forschungsinstituts
in Tübingen. Er ist Verfasser zahlreicher Fachbücher und
wurde später, eine für unsere Heimatgeschichte so fruchtbare
Entscheidung, Autor zahlreicher Romane, die beeindruckend die Welt
unserer heimischen Vorfahren schildern. Das Leben in den Jahrzehnten
um 1520, 1750 wird anschaulich. So erzählte er zuletzt aus
der Zeit der Reformation in Dillenburg in "Hüttenplatz
Mord und Erinnerung"( Weidenbach-Verlag.) Die Nassauischen
Annalen würdigten jüngst das Werk in einem großen
Aufsatz. Sein Hauptmerk richtet sich allerdings auf die Nachkriegsgeschichte.
Seine Kriegs- und Nachkriegschronik unserer Region ist sein bleibendes
und noch nicht ganz wahrgenommenes Verdienst. Immer wieder berichtet
er von der extremen Erfahrung seiner Generation, die als Jugendliche
in den Krieg ziehen mußten und stark dezimiert heimgekehrt,
ein ruiniertes Land vorfanden. Im Frühjahr erschien dazu seine
Erzählung "Das Ende und ein Anfang, eine Heimkehr an die
Dill".
Er ließ den Kontakt zu seinem Heimatdorf nie abreißen,
seine Mundart verlernte er nicht. Das schönste, was er seiner
alten Heimat schenkte, sind seine zur Zeit vergriffenen weit verbreiteten
Dialektgedichte "Ausm Dellfeld" die mit ihrem Witz
und Charme zum festen Bestand unseres Heimatgedächtnisses wurden.
Sie werden erweitert wieder erscheinen.
Der neue Roman von Betz ist für Betz- Leser ungewohnt. Der
kubistische Kopf auf dem Buchdeckel, gemalt von Picasso, zeigt,
daß Betz hier einen neuen Weg geht. Das Bild signalisiert:
Die Teile des Kopfes können sich verselbständigen. Sie
haben Funktionen, die ganz verschiedene Teile des Menschen leiten.
Und doch bleibt Betz auch hier dem ihm eigenen Thema, der Rekonstruktion
von Heimat, treu und bereichert es als Arzt und Forscher mit seinem
Wissen über moderne Gedächtnis- und Hirnforschung, sowie
deren Folgen.
Es war jetzt zu lesen, Grey, Deutschlands zweitgrößte
Werbeagentur, arbeitet mit dem Hirnforscher Prof. Elger zusammen.
Im Sinne unserer Kunden müssen wir deren Kunden besser kennenlernen,
begründet der Grey-Mann die Zusammenarbeit: Die Hirnforschung
könne den Zugang zur Gefühlswelt der Konsumenten verbessern.
Bei Betz sind es allerdings noch neugierige Forscher, die ohne derlei
Absichten mit einem neuen, genialen Verfahren der Gehirnbeeinflussung
experimentieren. Der Hirnforscher Malukke hat eine Methode erfunden,
mittels eines einfach anwendbaren elektromagnetischen Impulsverfahrens
über Elektroden am Kopf längst vergangene, vergessen geglaubte
oder auch nicht lange zurückliegende Ereignisse ganz intensiv
wieder erleben zu lassen. Menschen, die sich diesem Verfahren unterziehen,
haben das Gefühl, sie erleben das Ereignis jetzt. Im Roman
lassen vier Forscher an sich selbst das neue Verfahren zuerst ausprobieren.
Wie schon gesagt, bleibt Betz selbst in diesem Laborszenario unserer
Landschaft treu. Die Forscher stammen offensichtlich aus unserer
Gegend, denn ihre Labor- Erlebnisse spielen sich hier in unserer
Landschaft ab und handeln, wie so oft bei Betz, vom Krieg und von
der Nachkriegszeit.
Der Autor beschreibt nebenbei, was moderne, sogenannte, bildgebende
Verfahren an neuen Erkenntnissen über eventuelle künftige
Schmerzbehandlung in Aussicht stellen. Einer der Beteiligten erlebt
sogar eine Zukunftschau auf diesem Gebiet.
Auch idyllische ländliche Szenen tauchen auf, schön, wie
sie einmal waren, wenn man von ihnen träumt. Dabei hindert
ein Computerprogramm, mißliche Erinnerungen in der Wahrnehmung
aufzutauchen, indem es Erregungsänderungen im zuständigen
Gehirnteil auslöst.
Kleine Vorlesung: Freier Wille?
Das heutzutage heftig diskutierte Problem, wie weit die im Gehirn
ablaufenden Prozesse vom Willen völlig frei beeinflußbar
sind , wird von einem der vier Forscher intensiv erlebt und er berichtet,
während er selbst als Versuchsperson den elektromagnetischen
Reizungen ausgesetzt ist. Seine bildhafte Antwort fußt auf
einem umfassenden Wissen der heutigen Hirnforschung und versetzt
den Leser in eine überraschende Vorlesung. Was bleibt in diesem
weitgehend automatisch funktionierenden, materiellen Beziehungsgeflecht
vom freien Willen übrig? Nicht viel, das wird deutlich.
Was machen Dr. Malukkes Kollegen?
Den Forschern wird bewußt: Wie weit soll der Mensch seine
Forschung treiben? Kann der Forscher voraussehen, was er mit seinen
Verfahren schließlich bewirkt? : Quidquid agis, prudenter
agas et respice finem!, was heißt: Was immer du tust, tue
es mit Fleiß und bedenke das Ende! auch wenn er gar
nicht weiß, ob das Ende ein Segen oder ein Fluch für
die Menschheit sein wird? Ich denke, nicht nur Firmen wir Grey warten
auf die Ergebnisse solcher sympathischen Forscher. Viele Regimes
dieser Erde verspüren Heißhunger auf solche tiefgreifenden
Möglichkeiten der Manipulation.
Text Buchrückseite:
Bei Experimenten mit einem neuen, genialen Verfahren der Gehirnbeeinflussung
erleben vier Forscher längst vergessen geglaubte, anrührende
Geschichten aus ihrer Vergangenheit. Es sind sogenannte Déja-vu-
Erlebnisse. Einer der Forscher, Dr. Malukke, findet sich sogar in
die Zukunft versetzt.
Der neue Roman von Professor Eberhard Betz, mit genauer Sachkenntnis
der Hirnforschung geschrieben, erhellt wenig bekannte Grenzbereiche
der menschlichen Willensfreiheit. Mit Realismus und ScienceFiction
wird klarer, was künftig möglich sein könnte.

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