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Zur Lithographie
"Anna von Sachsen und Wilhelm
von Oranien" Adolf Born Prag
1994 nach einer Idee von Albrecht Thielmann

Lesen Sie die Geschichte der Anna von
Sachsen!
Der angesehene Prager Maler und Zeichner Adolf
Born hatte 1994 vor dem Stadtjubiläum von Albrecht Thielmann den
Auftrag angenommen, die Ehe der Anna von Sachsen darzustellen. Die
Vorstellungen von Albrecht Thielmann im Aufsatz "Der schwarze
Verräter Wilhelm von Oranien" und Gespräche mit dem Maler führten zu
dem Auftrag.
Jetzt hat die Buchhandlung Rübezahl einen
Faksimiledruck veröffentlicht. Die Vorstellungen von Thielmann und
ihre zeichnerische Umsetzung werden hier noch einmal
erinnert:
Die Lithographie zeigt eine Darstellung der
Ehepaars Wilhelm von Oranien mit Anna von Sachsen. Das Paar sitzt
nicht nebeneinander oder der Mann schräg und erhöht hinter seiner
sitzenden Frau, wie das für ein repräsentatives Bild erwartet wird.
Wilhelm von Oranien hätte dieses Bild gewiß nicht erworben, denn es
stellt die innere Wirklichkeit seiner Ehe dar und die nahm er selbst
so nicht wahr.
Eine Ehe wie die seine war in seinen Kreisen
üblich: Er heiratete die 16-jährige Anna von Sachsen aus politischer
Opportunität. Er versprach sich durch die Heirat wichtige politische
Verbindungen. Anna brachte mächtige Verwandte mit: Den sächsischen
Kurfürsten und den Großvater von Anna, dem Landgrafen von Hessen und
eine erhebliche Mitgift.
Wußte die sechszehnjährige Anna, daß
sie nur ein politisches Objekt war? Gewiß nicht. Mit großer Geduld
und einem Charme, die Wilhelm eigen war, aber auch mit
liebenswürdiger Heuchelei, warb er um sie.
Anna lebte als
Waise bei Verwandten. Es waren selbstsüchtige Menschen. Sie war bei
ihnen seelisch vereinsamt und schwierig geworden. Sie glaubte nicht
nur, was der charmante und so attraktive Wilhelm zu ihr sagte. Seine
Zuneigung war für sie Erlösung.
Warnungen vor dem schönen
Wilhelm soll sie weggewischt haben mit den Worten:" Er ist ein
schwarzer Verräter, aber ich habe keine Ader in meinem Leib, die ihn
nicht herzlich lieb hätte."
Anna war als Kind schon
schwierig. Von Kränkungen war sie geprägt. Ihre Briefe zeigen: In
Ängsten und Konflikten verdreht sie auch, wird sie auch intrigant.
Wilhelm hielt keine eheliche Treue. Mit solchen Eheerfahrungen aber
verhärtete sie sich. Und sie erkannte, warum sie geheiratet worden
war. Sie tobte sich, jeder Hofetikette zum Hohn, vor geladener
Hofgesellschaft gegen den Prinzen aus. Sie fiel als Frau aus jener
Rolle, die für vornehme Frauen vorgesehen war. Sie machte aus ihrem
Herzen keine Mördergrube: Der bissige Vogel auf dem Bild zeigt ihre
Wut, die aus ihrem Herzen quillt. Die Raserei wird viel später ihre
einzige Sprache werden.
Der umgängliche und freundliche
Oranien wurde seiner Frau nicht mehr "Herr", wobei der Begriff, der
Frau "Herr" werden, die Sache beim Namen nennt.
Eine Erlösung
gab es für ihre entstehende Haßliebe auf Erden nicht. Der Künstler
stellt Anna im Brustkorb Oraniens dar, den er gestaltet, wie einen
Käfig. Wir sehen: Sie wohnt tatsächlich in ihm. Walter von der
Vogelweise sang: "Ich bin in dinem Herzen, verloren ist das
Slüsselin". Sie ist ganz von ihm umfangen. So kann man es ironisch
sagen. Das Wort Umfangensein ist ja doppeldeutig. Einmal meint es
Schutz und Geborgensein. Aber hier ist die Brust des Mannes
gepanzert , wie sie bei Menschen ist, denen die Zuneigung anderer
lästig wird. Anna aber will um so mehr in Wilhelm wohnen, je kälter
er und seine Strategien erscheinen. Sie ist von ihm gefangen. Das
ist kein Widerspruch zu ihrer Wut.
Oranien ist ihr Gefängnis.
In Beilstein, viel später, wird ihr Gefängnis sichtbar aus
undurchdringlichen Steinmauern sein.
Gefangene ist sie
eigentlich schon im Hof zu Breda. Sie war große Pracht von Dresden
her gewohnt. Sie hatte ihre Mitgift miteingebracht. Was macht sie
ohne Wilhelm und ohne Hofstaat? Sie ist völlig verstrickt in
Abhängigkeiten, wie jede Frau in der früheren Gesellschaft. Sie ist
in einem goldenen Käfig gefangen.
Später, inzwischen auf der
etwas bescheideneren Dillenburg, schafft Anna ihre Befreiung
scheinbar. Sie verläßt tatsächlich endlich diesen Oranien. Kann sie
jetzt loslassen, wie man heute sagt. Noch weniger: Ihr Kampf mit
Oranien wird verbissen. Sie will ihre Mitgift mitnehmen, tun, was
ihr Recht ist. Im Prozeß um diese Mitgift verstrickt sie sich in
eine unendliche quälende Auseinandersetzung. Natürlich steht ihre
Mitgift auch für das Gefühl, um das Oranien sie betrogen hat. Sie
will es zurück. Sie verschanzt sich in ihrem Käfig.
Sie fühlt
sich ohnmächtig. Sie beißt auf Granit. Wo sie recht hat, wo man ihr
unrecht tut: sie sieht eine Übermacht gegen sich gerichtet: Ihr
Anwalt wird ihr Geliebter, natürlich, denn er verkörpert ihr Recht,
ihre Rettung. Wer liebt nicht die Rettung. Diesen Ehebruch des
Anwalts mit der Nochehefrau Oraniens aber verfolgte die
patriarchalische Gesellschaft zunächst ohne Gnade. Wilhelm hatte es
da unbeschwerter mit Damen.
Ein Satz in einem Brief zeugt von
Annas Verzweiflung in dieser Zeit: Es sei ihr nicht möglich, einen
christlichen Gedanken in diesem Land der Nassauer zu fassen, die
Blumen auf dem Felde wüchsen ihr zum Nachteil und seien ihre
Verräter.
Adolf Born entwirft die Szenerie eines Alptraums
von Annas Kampf: Sie sieht in diesem Traum den oranischen Hofstaat,
gegen den sie anrennt, der ihr das Recht verweigert, als eine
Ansammlung von törichten Hofschranzen. Ein Höfling hat einen
Eselskopf, in den Annas Herzvogel hackt, ein anderer hat einen
Fischkopf, die Dame aber ist oben ohne, wie es den Herren gefällig
ist. Alle stehen im Düsteren wie eine Ansammlung von nächtlichen
Vampiren, die ihr das Herzblut aussaugen werden. Selbst die Blumen
sind ihre Verräter, schrieb sie ja.
Ihr Geist hielt diesem
Druck bald nicht mehr stand: Sie sah in der Wirklichkeit an allen
Ecken nur noch Verräter, gegen die sie sich tobsüchtig wehrte. Ihr
Weg führte in die Verlassenheit, in völlige Isolation und
Gefangenschaft und in einen düsteren Tod, in die Auslöschung. Ihr
Grab im Dom zu Meißen hat kein Grabmal, trägt keine Inschrift. Ihr
Leben sollte vergessen werden.
Über ihre entstehende
Geisteskrankheit gibt es Spekulationen, die auch ihre
verständnislose Umwelt freisprechen sollen. Was sie erlebte, machte
sie ohne Zweifel krank. Ihre Lebensbedingungen in jener Zeit sind
zuerst zu befragen. Anna erwies sich als ein Mensch, der im
politischen Kalkül nicht funktionierte, wie es der patriarchalischen
Gesellschaft nützlich gewesen wäre. Ihr Leben ist ein düsteres
Lehrstück über die Opfer der patriarchalischen Ordnung. Der lange
vornehme dunkelrotviolette Umhang, den Adolf Born um die Schultern
von Wilhelm legt, würde majestätisch die Misere der Prinzenfamilie
umhüllen, wie das so üblich ist, wenn der Künstler uns nicht
gleichzeitig den Blick in das Innere der Ehe freilegen
würde.
Die Lithographie (Faksimile-Druck, 60 x 40 cm) ist
im Buchladen Rübezahl erhältlich und kostet 12,50
€.

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