Rede vor einer Freien Lesung
in der Buchhandlung Rübezahl
Liebe Literaturfreunde!
Ich möchte alle herzlich begrüßen.
Viele Menschen schreiben Gedichte. Viele Menschen haben das Bedürfnis,
Gedichte zu schreiben. Mir wurde die Geschichte einer Frau bekannt,
die ein Leben lang in einem fensterlosen Hinterraum eines Büros,
der mit einer Luftklappe versehen war, als Sekretärin gearbeitet
hat.
Sie schrieb von Zeit zu Zeit kleine Gedichte, die beeindruckten. Sie
sagte, sie habe schreiben müssen. Danach sei ihr leichter gewesen.
Walser sagte, ich schreibe über das, was mir fehlt.
Die Form des Gedichtes ist naheliegend für subjektive Erfahrungen.
Ein Gedicht ist ein meist kurzer geformter oder freier Text, der für
eine subjektive Erfahrung die knappste Form sucht.
Ein guter Text ist einer, der auch über sich hinausweist und
für andere wichtig wird.
Ich möchte zwei Beispiele bringen von Georg Trakl, dem großen
Expressionisten um die Jahrhundetwende:
Das erste Gedicht Winterabend hat die religiöse Tradition der
Gemeinschaft um das Mysterium Abendmahl zum Inhalt, das zweite Gedicht
berichtet von grenzenloser Einsamkeit.
"Wenn der Schnee ans Fenster fällt
lang die Abendglocke läutet
vielen ist der Tisch bereitet
und das Haus ist wohl bestellt.
Mancher auf der Wanderschaft
kommt ans Tor auf dunklen Pfaden
golden blüht der Baum der Gnaden
aus der Erde kühlem Saft.
Wanderer tritt still herein
Schmerz versteinerte die Schwelle
da erstrahlt in reiner Helle
auf dem Tische Brot und Wein."
Dieses Gedicht "Winterabend" erinnert die christliche Heilslehre.
Vom zweiten Gedicht - "De Profundis" - will ich nur die
erste Strophe zitieren:
"Es ist ein Stoppelfeld, in das ein schwarzer Regen fällt
Es ist ein brauner Baum, der einsam dasteht
Es ist ein Zischelwind, der leere Hütten umkreist
Wie traurig dieser Abend."
Wir hören hier von Bildern, die von einem extremen Ausgesetztsein
zeugen. Diese Bilder zeugen von keiner Heilslehre, auch wenn Trakl
im weiteren Gedicht Elemente einer mysteriösen Erleuchtung äußert.
Wenn also schon ein Dichter von sich selbst solche auseinanderliegenden
Erfahrungen bezeugt, dann meine ich, daß wir hier in dieser
Runde mit so unterschiedlichen Lebenserfahrungen, die wir keiner gemeinsamen
Idee folgen, darauf gefaßt sein müssen, daß wir uns
sehr unterscheiden in unseren Botschaften.
Wenn Sänger zusammen kommen, die auch noch einen Tisch mit Wein
vorfinden, dann kann es schnell gehen, daß sie gerne mit einander
singen. Bei Gedichteschreibern ist das nicht so fließend einfach.
Hier müssen wir dem anderen zuhören, was auch Mühe
macht, drückt sich doch mancher in Bildern aus, die nur aus seiner
Lebensgeschichte verständlich sind. Also bitte ich auch um Geduld
füreinander und um Offenheit, sich zu äußern.
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