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Rübezahl


von Roderich Feldes

Fast könnte man die Sentenz des Brantschen Büchernarren "Denn es genügt schon meinem Sinn, / Wenn ich umringt von Büchern bin" billigen, wenn man die drei Stufen in den Verkaufsraum der Buchhandlung "Rübezahl" in Dillenburg hinuntergeht, denn nirgendwo sonst im Land zwischen Dill und Lahn gibt es einen Bücherort, der wohltuender zum Verweilen, Betrachten und Blättern einlädt.

In dem restaurierten Fachwerkhaus am Hüttenplatz, etwas tiefer als parterre, hinter unauffälligen Schaufenstern zwischen Eichenbalken, die schon einen ersten Blick in die Bücherwelt gestatten, hinter solid gearbeiteten, längs- und quergestellten Holzregalen steht ein bequemes Sofa mit einem Tisch davor, auf dem Neuerscheinungen liegen, darüber ein verschnörkelter Aufsatz und eine Uhr, die schon dem letzten Herzog von Nassau, der vor 120 Jahren im Wald neben meinem Geburtshaus seinen letzten Auerhahn schoß, die Zeit hätte zerticken können. Wie ein Haus im Haus, halb Küche, halb Kanzel, Herz in der Mitte, die Verkaufstheke, die feste Burg des Geschäftes mit den Reihen der bestellten Bücher, aus denen Zettel ragen, und Grossisten-Kataloge. Rundum Regale, die Nischen bilden, in die man sich zurückziehen kann, um Romane, Sachbücher, Klassiker, Unterhaltendes, Spannendes zu betrachten. Ein ausgestopfter Fuchs, der aufrecht ein Tablett für Bücher präsentiert, markiert die Grenze zwischen Erwachsenen- und Kinder- und Jugendliteratur.

Einige Kunden treiben gleich auf diese Nischen zu und scheinen sich in der literarischen Atmosphäre zu rekeln, so als wehe etwas von dem Inhalt der Bücher durch die Luft und sie könnten es einatmen.

Einige gehen zur Verkaufstheke zu Herrn Thielmann, dem Inhaber der Buchhandlung, stellen Fragen, suchen Sekundärliteratur, ein alternatives Kochbuch zum alternativen Preis, Romane über Arbeiter oder das Dritte Reich oder heimisch Deftiges, Lebenshilfen, bißchen Geschichte, Bilderbücher. Herr Thielmann berät, faßt Inhalte kurz, gibt Nachhilfe in Literaturgeschichte, erzählt von seinen Lieblingsbüchern. Und wenn dann auch nur 2,80 DM in der Ladenkasse klingeln nach einer Literaturstunde: Es hat sich gelohnt. Er hat einen Leser gewonnen, nicht unbedingt einen Kunden, aber einen Leser, der bereit ist, sich manchmal abzusondern und so etwas Unzeitgemäßes, fast Verdächtiges anzustellen wie das Lesen eines Buches.

Einige Autoren werden besonders gepflegt: Luise Rinser, Hermann Hesse, Erich Fromm, Astrid Lindgren, Christine Nöstlinger, Martin Walser, Helga M. Novak. Auch ich gehöre zu den gepflegten, was nicht nur den Vorteil einer augenfälligen Präsentation mit sich bringt, sondern auch Einladungen zu Lesungen, die in der Buchhandlung stattfinden.

Wenn nach solchen Abenden einige Zuhörer zwei Häuser weitergehen zum Jugoslawen, freut sich jeder auf den nächsten Besuch der kleinen Literaturinsel, ohne die in unserer Gegend zwischen Westerwald und Rothaargebirge ein schillernder Kulturtupfen fehlen würde.

August 1986